Studie beziffert erstmals den volkswirtschaftlichen Wert der Energienetze - Zurückhaltung beim Netzausbau verursacht langfristig Mehrkosten von bis zu 4,2 Mrd. Euro pro Jahr

Eine zuverlässige Infrastruktur bildet das Rückgrat für eine erfolgreiche Energiewende. Immer mehr vor Ort erzeugte grüne Energie wird beispielsweise für das Laden von Elektrofahrzeugen oder für Wärmepumpen genutzt. Dafür müssen die Stromverteilnetze in Deutschland auch in den kommenden Jahrzehnten kontinuierlich ausgebaut werden. Eine Studie der RWTH Aachen beziffert erstmals den volkswirtschaftlichen Wert der Stromverteilnetze und warnt gleichzeitig vor zu geringen Investitionen in die Netze. Die Untersuchung wurde Ende Oktober dem interessierten Fachpublikum vorgestellt.

Dr. Thomas König, COO - Networks

Gleich zu Beginn der rund 90minütigen Online-Veranstaltung, an der sich rund 130 Vertreter aus dem Deutschen Bundestag, aus Ministerien, Regulierungsbehörden, Verbänden und Unternehmen beteiligten,  unterstrich E.ON-Netzvorstand Dr. Thomas König die Bedeutung leistungsfähiger Stromverteilnetze.

König erläuterte, wie E.ON den klimafreundlichen Umbau der Energieversorgung ermöglicht. So plant der Konzern Netz-Investitionen von rund 6,6 Milliarden Euro in den nächsten 3 Jahren, hinzu kommen allein in Deutschland in diesem Jahr weitere 500 Millionen Euro. 

Das Energiesystem verändert sich massiv

Die immer höheren Anforderungen an die Energieinfrastruktur unterstrichen auch die die Autoren der Studie, die im Auftrag der neuen E.ON entstanden war: Prof Dr.-Ing. Albert Moser, Leiter des Instituts für Elektrische Anlagen und Netze, Digitalisierung und Energiewirtschaft (IAEW) der RWTH Aachen und Dr. Christoph Gatzen, Associate Director des renommierten Beratungshauses Frontier Economics. Die Art und Weise, wie Energie erzeugt und genutzt wird, habe sich in den vergangenen Jahren massiv verändert, so die Experten. Stichworte: dezentrale Erzeugung und Sektorkopplung. 

Vor diesem Hintergrund kamen die Wissenschaftler in ihrer Untersuchung unter anderem zu dem Ergebnis, dass der Investitionsbedarf in die deutschen Stromverteilnetze bis 2050 bei rund 111 Milliarden Euro liege. Und es müsse weiter kontinuierlich und in ausreichendem Maße Geld fließen, so Moser und Gatzen. Andernfalls würde die Volkswirtschaft stark belastet. Ihren Berechnungen zufolge liegen die Mehrkosten, die ein zu geringer Netzausbau zur Folge hat, anfangs bei 100 bis 300 Mio. Euro jährlich. Zwischen 2030 und 2050 steigen diese Mehrbelastungen für die Verbraucher auf rund 4,2 Milliarden Euro jährlich. Zu schwach ausgebaute Netze führen demnach zu überproportional hohen Folgekosten. Die Forscher sprechen von einem asymmetrischen Risiko. Es gilt, die richtige Balance zu finden zwischen zu starkem Netzausbau und ausbleibenden Investitionen in die Energieinfrastruktur.

Das Dilemma hierbei machte Thomas König stellvertretend für die rund 900 Netzbetreiber in Deutschland deutlich: Die Vorgaben der Regulierung und die immer anspruchsvollere Versorgungsaufgabe laufen unverantwortbar auseinander. Der aktuelle Gesetzesrahmen wird den veränderten Anforderungen, die die Energiewende an die Verteilnetzbetreiber stellt, kaum noch gerecht. Die Anreizregulierung stamme aus einer Zeit, in der es nur darum gegangen war, bei konstanter Versorgungsaufgabe Monopolrenditen abzuschmelzen und Effizienzen zu heben. Die Regulierungsbehörde müsse nun abwägen zwischen kurzfristigen Einsparungen und langfristigen Folgekosten für eine Infrastruktur, die den Anforderungen der Energiewende nicht mehr gerecht wird.

Im Zweifel für die Investitionsfähigkeit entscheiden

Den Zuschauern zeigte König im Verlauf der intensiven Diskussion Lösungen auf: Bereits kleine Änderungen in der Regulierung reichen, damit die für die Energiewende erforderliche Finanzierung der Energieinfrastruktur gesichert werden könne. So wäre insbesondere eine minimal-invasive Anpassung bei der Berechnung der Eigenkapitalverzinsung erforderlich. Auch müsse darüber nachgedacht werden, ob der generelle Produktivitätsfaktor (Xgen – dieser Wert spiegelt, grob vereinfacht, die Differenz zwischen technischer Produktivität von Netzwirtschaft und Gesamtwirtschaft) überhaupt noch zeitgemäß sei. Es sei zweifelhaft, ob Netzbetreiber nach über einem Jahrzehnt Anreizregulierung noch überdurchschnittlich hohe Effizienzen heben können. Im Zweifel sollte pro Investition entschieden werden und eine Festsetzung des Xgen auf Null erfolgen.

Thomas König stellte heraus, dass es ohne angemessene und vor allem kontinuierliche Investitionen in Deutschlands Netze keine erfolgreiche Energiewende und keinen erfolgreichen Klimaschutz gebe. Gut ausgebaute und verfügbare Energienetze seien essentiell für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Sein Appell: Der Gesetzgeber muss jetzt die Weichen für Wachstum und Digitalisierung stellen.

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