Bis zum Jahresende muss das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erheblich angepasst werden. Wesentlicher Grund hierfür sind die gesetzlich verschärften Klimaschutzziele. Bis zum Jahr 2030 soll der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch in Deutschland 65 Prozent betragen, die Klimaneutralität soll vor 2050 erreicht werden. Laut Kabinettbeschluss sollen Windkraft und Photovoltaik-Freiflächenanlagen hierfür einen gewichtigen Beitrag leisten.

Allein mit einem „Weiter so“ bei Wind und Photovoltaik (PV) werden die angestrebten Ziele jedoch nicht zu erreichen sein, da eine wesentliche Stellschraube zu wenig beachtet wird: Photovoltaik (PV) für Mieter und Gewerbe. „Die Potentiale von PV auf Mehrfamilien- und Mietshäusern sowie auf Gewerbe- und Industrieflächen werden im aktuellen Gesetzesentwurf zu wenig berücksichtigt. Die Energiewende muss jetzt diese Flächenpotentiale nutzen“, forderte E.ON-Vertriebsvorstand Karsten Wildberger kürzlich während der europäischen Woche der Nachhaltigkeit.

Darüber hinaus ist es wichtig, die bereits erschlossenen Potentiale für die Erzeugung von erneuerbarer Energie zu erhalten. Das betrifft EEG-Anlagen, die im Jahr 2021 nach 20 Jahren aus der Förderung fallen. Diese so genannten Post-EEG-Anlagen brauchen einen gesetzlichen Rahmen, der den Weiterbetrieb ermöglicht.

Post EEG – Eigenverbrauchslösungen für kleine Anlagen erleichtern

Zum Jahreswechsel fallen die ersten seit dem Jahr 2000 EEG-geförderten Erzeugungsanlagen aus der Förderung. Für die Betreiber stellt sich die Frage: „Was kommt dann?“ Der Wechsel in Eigenverbrauchskonzepte stellt für viele Anlagenbetreiber eine naheliegende Option dar. Dies ist im geltenden Rahmen jedoch schon kaum möglich und auch im Entwurf des EEG 2021 werden hierfür Hürden aufgebaut.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) favorisiert im Entwurf des EEG 2021 den Grundsatz der Volleinspeisung in das Stromnetz und schafft für diese Anlagen eine Übergangsregelung für den Eigenverbrauch. Bis 2027 können die Altanlagen ohne weiteren erforderlichen messtechnischen Aufwand weiterbetrieben werden. Für ihren eingespeisten Strom erhalten sie den Jahresmarktwert abzüglich der Vermarktungskosten vom Netzbetreiber.

Durch dieses Vorgehen kann zumindest die bisherige Regelungslücke geschlossen werden. Es ergibt sich hier jedoch ein entscheidender Nachteil für die Anlagenbetreiber: Die Anschlussregelung ohne weiteren messtechnischen Aufwand kann nur bei einer Volleinspeisung in Anspruch genommen werden. Kunden, die ihre Post-EEG-Anlagen für Eigenverbrauch nutzen möchten, sind angehalten, ein intelligentes Messystem (iMSys) einzubauen. Erfolgt dies nicht, wird der eigenverbrauchte Strom mit einer Strafzahlung in Höhe des Arbeitspreises für jede Kilowattstunde belegt.

Die Verteilnetzbetreiber werden hierdurch in die Rolle der vollziehenden Instanz gezwungen, die dem Kunden  diese „Strafzahlung“ auferlegen muss. Hinzu kommt der Prüfaufwand, der betrieben werden müsste, um Verstöße festzustellen. Unzählige Rechtsstreitigkeiten wären damit vorprogrammiert. Gerade Kunden mit kleinen Anlagen (< 7kW), die das Messtellenbetriebsgesetz (MsbG) nicht zum Einbau verpflichtet, werden mit der vorgeschlagenen Regelung mit unverhältnismäßigen Mehrkosten belastet. Das wird in der Folge dazu führen, dass sich eine Umstellung auf Eigenverbrauch in vielen Fällen nicht mehr lohnt.

pv-dachanlage

Verpflichtende Ausschreibungen im PV-Aufdachsegment als Bremsklotz für den Mittelstand

Neben dem bedeutenden Thema für ausgeförderte Anlagen enthält das neue EEG eine weitere Regelung von womöglich großer Tragweite für die Energiewende: Für PV-Aufdachanlagen soll im EEG 2021 ein eigenes Ausschreibungssegment geschaffen werden, in dem die Leistungsgrenze zur Ausschreibungspflicht von derzeit 750 kW auf 500 kW abgesenkt wird.

Was wäre die Folge? Es würden mehr PV-Anlagen unter die Pflicht der Volleinspeisung fallen. Ein mittelständisches Unternehmen, das eine individuelle Klimastrategie mit PV-Eigenerzeugung umsetzen möchte, kann den eigenen Strom gar nicht für die eigene Produktion einsetzen. Noch dazu müsste sich das Unternehmen abseits seines Kerngeschäfts an einem sehr bürokratischen Ausschreibungsverfahren beteiligen. Die Motivation dazu dürfte gering sein, was zu dauerhaft und deutlich unterzeichneten Ausschreibungen führen würde. Kurzum: Das mittelständische PV-Potenzial wird nicht aktiviert. Den Unternehmen wird der Weg in eine nachhaltige Zukunft erschwert.

Mit Kanonen auf Spatzen geschossen – verschärfte Einbaupflicht von Smart Metern

Im geltenden Rechtsrahmen ist für Anlagen unter einer Leistung von 7 kW der Einbau von iMSys nicht verpflichtend. Der aktuelle Kabinettsentwurf sieht jedoch vor, dass künftig selbst kleinste neue Anlagen ab 1 Kilowatt Leistung mit einem iMSys ausgerüstet werden müssen, um diese im Falle eines Netzengpasses abregeln zu können. Auch für Bestandsanlagen sieht der Kabinettsbeschluss eine Verschärfung und damit erheblichen Nachrüstungsaufwand vor. Zwar erkennt der Gesetzentwurf hier an, dass aktuell noch keine geeigneten iMSys verfügbar sind und gewährt deshalb 5 Jahre Übergangszeit nach Verfügbarkeit der intelligenten Messtechnik. Jedoch steht der damit verbundene hohe Kostenaufwand bei Anlagen im Bereich einiger weniger kW Leistung der Wirtschaftlichkeit entgegen, PV-Potenziale würden in der Folge nicht genutzt werden können.

Mehr Mut für PV in Deutschland

Damit die PV-Potentiale in der Stadt ausgeschöpft werden können und diese einen tatsächlichen Beitrag zur Energiewende leisten, muss die Gesetzgebung einen entsprechenden Rahmen setzen. Die aktuell vorgesehenen Änderungen greifen zu kurz. 

Karsten Wildberger, COO - Commercial

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