#onedaywith Monica Karsai

Monica Karsai

Abgeschminkt

Ein spanisch sprechendes Paar posiert für Selfies, gackernde, asiatische Mädels fotografieren sich mit Duckfaces und ein paar Teens mit Hoodies und hängenden Schultern interpretieren das Wandgemälde mit Leonid Breschnew und Erich Honecker. Schon am frühen Morgen stellt sich an der East Side Gallery der übliche, bunte Mix aus Touristen ein. Die Gegend entlang des bunten Mauerstreifens befindet sich in einem noch stärkeren Wandel als es ohnehin typisch für Berlin ist. Letzte anarchische Überbleibsel trotzen Bürogebäuden, schicken Hochhäusern und multifunktionalen Arenen. Ich steuere auf ein turmartiges Wohnhaus zu, um Monica Karsai zu treffen, meine heutige Interviewpartnerin. Monica arbeitet als Make-Up Artistin und hatte vor einigen Wochen unseren CEO Johannes Teyssen für ein Video vorbereitet.

Ich schaffe es am schlecht gelaunten Portier vorbei, benutze einen futuristischen Aufzug und treffe in Monicas Wohnung ein, die mit einem atemberaubenden Blick auf die Spree glänzt. Kein Wunder, dass Monica den Tag gern auf dem Balkon beginnt, oft mit einem Kaffee und einer Modezeitschrift auf dem Schoß. Obwohl sie mit ihrem Freund zusammenlebt, frühstückt sie meist alleine, da er bereits um sieben Uhr das Haus verlässt.

„Zeitschriften lesen zum Frühstück? Ist auch eine alte Gewohnheit von mir“, beginne ich unser Gespräch, während mir die Morgensonne den Nacken kitzelt.

„Hauptsächlich zur Fortbildung. Instagram liegt bei Fashion und Make-Up weit vorne und ist mein wichtigstes Tool, aber es gibt noch ein paar Printmagazine, die man lesen muss, um bei den aktuellen Trends auf dem Laufenden zu bleiben“, erklärt Monica. 

Make-up table
Home interior

Heute steht ein Fotoshooting mit einem Model an, das Monica schminken soll. Da wir noch etwas Zeit haben, erzählt mir Monica von ihrem Werdegang und wieso sie beruflich beim Verschönern von Menschen landete. Die geborene Ungarin kam als kleines Kind mit ihren Eltern nach Eberswalde, wo sie aufwuchs und zur Schule ging. Schon als Teenager verschönerte sie ihre Freundinnen, wenn sie ausgingen, machte ihnen Haare und Make-Up. Nach ihrem Schulabschluss absolvierte sie eine Lehre zur Augenoptikerin. Bis heute ist das ihr Brot- und Butterjob geblieben, Monica leitet drei bis vier Tage die Woche eine kleine Augenoptikfiliale. Ihren Herzenswunsch, etwas mit Mode und Make-Up zu machen, erfüllte sie sich erst mit 30 und absolvierte bei der Creative Beauty Company mit Hilfe eines Stipendiums eine Ausbildung als Hair- und Make-Up Artist. 

„Also ein festes Einkommen aus der Optik, aber mit dem Herzen beim Make-Up?“

„Genau. Dadurch fühle ich mich ein bisschen sicherer, da die Branche nicht einfach und hart umkämpft ist. Es ist schwierig längerfristig im Voraus planen, manchmal hat man länger keine Aufträge, solche Zeiten muss ich abfedern können.“

„Und wie kommst du zu Aufträgen? Vor allem über Mundpropaganda?“ 

„Viele Arbeiten sind Folgeauträge von Kunden, mit den ich schon zusammengearbeitet habe meistens jedoch über die Weiterempfehlung. Darüber hinaus stellt sich für die Kundenakquise, -pflege und -kommunikation Instagram als essentieller Kanal dar.“

„Was sind die typischen Kunden, für die Du arbeitest?“

„Typische kommerzielle Kunden sind Sportfirmen wie Nike, McFit andererseits auch freie Modeshootings und Magazinarbeiten. Zusätzlich mache ich auch viele Roter Teppich-Geschichten, also Moderatoren oder Schauspieler bei Empfängen und Events.“

Monicas Augen leuchten, wenn sie von ihren Jobs erzählt. Ihr klares Ziel für die nahe Zukunft: Vollzeit nur noch als Make-Up Artistin zu arbeiten. Noch verhindert das die schwankende Auftragslage. Heute ist sie allerdings ausgebucht und kurz nachdem wir unser kaffeelastiges Frühstück zu uns genommen haben, klingelt es. 

Normalerweise fährt Monica mit ihrem Schminkkoffer zu den Kunden. Doch heute soll mit dem Model Lotte Weissbach ein Fotoshooting entlang der East Side Gallery stattfinden, ein Modelabel wünscht sich entsprechende Aufnahmen mit Motiven aus Berlin. Der berühmte, mit Kunst versehende Mauerstreifen bildet einen Teil dieser Serie und daher bot sich die Vorbereitung des Shootings in Monicas nah gelegener Wohnung an.

Kurz darauf sitzt Lotte mit Blick zur Spree im hell belichteten Wohnzimmer Monicas und wird von ihr für das Fotoshooting vorbereitet. Da es sich um eine Marke mit junger, urbaner Zielgruppe handelt, soll auch das Make-Up eher tagestauglich, jung und unauffällig sein. Diverse Pinsel und Farbpaletten werden auf dem großen Tisch ausgebreitet und Monica geht routiniert ans Werk, während ich sie weiter befrage.

„Was unterscheidet das Schminken eines Models grundsätzlich vom Schminken beispielsweise eines Mannes wie unseres Chefs Herrn Teyssen?“

„Bei Herrn Teyssen oder auch anderen Managern, die ich schon geschminkt habe, geht es zwar sehr viel schneller, dennoch stellt ein neues Gesicht immer eine Herausforderung dar. Lotte hier soll und darf man das Make-Up ansehen, aber zum Beispiel bei einem Manager soll alles eher natürlich aussehen. Zum Beispiel müssen die Haare perfekt liegen, es soll aber kein bisschen gestylt wirken.“  

Monica and model

Inzwischen trifft die Fotografin inklusive Assistenten und Equipment ein. Nach einer kurzen Besprechung verlassen wir die Wohnung zum Fotoshooting entlang der East Side Gallery. Die Stimmung im Team ist gelöst, Model und Fotografin kennen sich bereits. Lotte befolgt die Wünsche der Fotografin routiniert und freundlich, oft sitzt bereits der erste Take. Dennoch dauert das Shooting länger als ich es mir vorgestellt hatte – das wechselnde Licht, der auf- und abflauende Wind, die vielen Touristen erzeugen zwar das gewünschte Flair, aber verhindern oft das perfekte, authentisch wirkende Bild. Monica frischt das Make-Up immer wieder auf oder legt eine Haarsträhne schräg über die Wange. Ja, lächeln, das machst Du super, so bleiben, den Kopf ganz leicht zu mir drehen, jetzt, perfekt, supernice! Wir wechseln mehrfach die Locations und obwohl schon fast vier Stunden vergangen sind, bleibt Lotte stets ruhig, freundlich und entspannt. Schließlich reckt die Fotografin den Daumen und ruft: „It’s a wrap!“ Das Zeichen, dass nun wirklich alles im Kasten und das Shooting beendet ist.

Girl on fotoshoot
Make-up
Girl laughing

Als sich die Sonne hinter dem Fernsehturm senkt, brechen Monica und ich zum Abschluss des Tages in ein nahe gelegenes, japanisches Lokal auf. Während ich die Speisekarte scanne, flitzt Monicas Daumen über ihren Instagram-Kanal. Wie jeden Tag hat sie auch heute eine Insta-Story erstellt.

„Instagram ist für meinen Beruf am Wichtigsten: Was machen die Kollegen, die Kunden, wie sehen die aktuellen Looks aus? Und natürlich möchte ich potenziellen Kunden zeigen, was ich kann“, erklärt mir Monica, während sie einige Accounts absurft. Das Essen wird serviert, Monica legt ihr Handy zur Seite.

Monica Karsai
Washing make-up brush
Home interior

Fotos: Felix Müller

„Du kennst unser Unternehmen ja bereits und weißt, wie wichtig Nachhaltigkeit für uns ist. Wie schauts denn bei Dir aus, beruflich und privat – spielt das in deinem Leben eine Rolle?“ frage ich sie.

„Auf jeden Fall. Es ist ein großes Thema bei uns zuhause, Müll und vor allem Plastik zu vermeiden. Wir achten sehr darauf! Und wir sparen Energie, wo es nur geht. Beispielsweise brennt immer nur in dem Raum Licht, wo wir uns aufhalten.“

„Wie sieht das bei Kosmetika aus?“

„Auch da gibt es den Trend zur Nachhaltigkeit. Der Markt bietet mittlerweile eine ganze Menge an Naturkosmetik, dessen Hersteller ihre Produkte auch nicht an Tieren testen. Es gibt viele neue Kosmetikfirmen auf diesem Gebiet, deren Produkte auch nicht teurer sind. Habe ich zwei ähnliche Produkte zur Auswahl, nehme ich das natürliche.“

Nach einem prächtig gewürzten Teriyaki verlassen wir bei einbrechender Dunkelheit das Lokal und schlendern durch Friedrichshain, zurück an die Spree. In ihrer Wohnung wäscht Monica als letzten Akt ihres Arbeitstages die Pinsel aus und ordnet ihre Utensilien für den morgigen Tag. Dann steht wieder ein Job für den Roten Teppich an. Sie nennt mir den Namen des Promis und ich beschließe, morgen pünktlich vor dem Fernseher zu sitzen, um mir Wimperntusche und Lippenstift der bekannten Lady anzusehen.

Monica verlässt die Wohnung zum Joggen an der Spree. Ich setze mich an den Fluss, sehe im Mondlicht den vorbeifahrenden Booten zu und atme die Stadt ein.

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