#onedaywith Jasmin Arensmeier

Lady Achtsam

Jasmin
Rainer Stenzenberger
Autor
Rainer Stenzenberger
Digitale Kommunikation & Social Media

Ich bin etwas zu spät dran und flitze mit erhöhtem Puls die letzten Meter zu Jasmins Adresse – dabei kann ich um Haaresbreite zwei Radfahrern ausweichen, die mir dafür einige freundliche Bemerkungen nachrufen. Als Berliner bin ich diese Begegnungen zwar gewöhnt, staune aber, dass auch in London schon viele aufs Rad umgestiegen sind, zumindest scheint das in diesem citynahen Stadtteil Shoreditch der Fall zu sein.

Jasmin nahm vor etwas mehr als einem Jahr als eine von vier Influencern an einer Reise zu unserem Windpark in Roscoe in Texas teil. Uns hatte damals beeindruckt, wie professionell sie Inhalte produzierte, also Bilder, Videos und Blogartikel und wie aktiv und interessiert ihre Community darauf reagierte, sich beispielsweise nach E.ONs aktueller Strategie erkundigte und lebhaft diskutierte. Heute möchte ich mir vor Ort ansehen, wie eine erfolgreiche Influencerin lebt und wie ein typischer Arbeitstag aussieht.

Jasmin
Jasmin

Die nächste Hürde nach den Radfahrern ist Jasmins Hund Jimmy, der mich bellend begrüßt, als ich die Stufen des kleinen Hauses nach oben steige und vor ihrer Wohnungstür stehe. Der arme Kerl ist nicht nur äußerst betagt, sondern seit einiger Zeit auch erblindet, was seine Nervosität bei Besuchern erklärt. Jasmin zeigt mir ihre hübsch und liebevoll eingerichtete kleine Wohnung. Danach beschließen wir, für ein erstes Gespräch in einem nahe gelegenen Café zu frühstücken.

„Influencer haben die unterschiedlichsten Biografien. Wie bist Du denn zu Deinem jetzigen Beruf gekommen?“

„Ich bin in Stuttgart aufgewachsen, habe dort Abi gemacht und in Tübingen Rhetorik und Medienwissenschaften studiert, danach meinen Master absolviert und zwar in elektronische Medien mit Schwerpunkt Unternehmenskommunikation. Ich habe direkt am ersten Tag meines Studiums mit meinem Blog angefangen. Im Jahr 2006 war das noch etwas ganz Neues und Frisches. Meine Hauptmotivation lag darin, journalistische Erfahrungen zu bestimmten Themen zu sammeln, die mir am Herzen lagen.“

Später arbeitete Jasmin bei verschiedenen Zeitungen, Kreativagenturen, im Film und Verlagswesen. Nach einiger Zeit stand der Entschluss fest, sich selbstständig zu machen, mehr Kontrolle und Freiheit über das eigene Schaffen zu erlangen.

Wir unterbrechen kurz das Gespräch, als wir unser Frühstück erhalten. Jasmin lebt vegan und isst Entsprechendes, während ich mich über ein klassisch englisches Frühstück freue, fettige Würstchen und ein dünner Kaffee inklusive. Ich blicke mich um, sehe in wenigen hundert Metern Entfernung einige Wolkenkratzer der City, wogegen der kleine, begrünte Platz, an dem wir uns befinden, auch in einer mittelgroßen Stadt liegen könnte.

„Wie kannst Du Dir das Leben in London leisten? Es ist doch sicher nicht einfach, einen Blog zu monetarisieren.“

Jasmin im Café
Jasmine Bullet Journal

„Gute Frage. Wobei es anfangs eher noch schwieriger war. Damals gab es keine Kunden, kein Verständnis, wofür ein Blog überhaupt gut ist. Das hat sich inzwischen geändert und natürlich gibt es sehr viel mehr Konkurrenz. Mein Vorteil ist vielleicht, dass ich sehr nischig bin. Der Blog, den ich anbiete und die Themen, die ich dort bespreche, orientieren sich immer an meinen persönlichen Interessen.“

Jasmin beschreibt ihre Nische als eine Mischung aus Wellbeing, Organisation und Lifestyle – bedient also den allgemeinen Trend, sich selbst besser zu organisieren, auf eine möglichst ganzheitliche Art und Weise. Ein aktuelles Produkt von ihr ist das sogenannte „Bullet Journal“, gewissermaßen ein Hybrid aus Tagebuch und Kalender. Während wir unser Frühstück beenden, blicke ich über Jasmins Schulter und sehe mir ihren aktuellen Eintrag im Bullet Journal an und bin von Kreativität und Sorgfalt der Gestaltung beeindruckt. Dennoch erlaube ich mir die Rückfrage, ob es ausreichend Potenzial für so etwas gibt, wo man doch kaum noch mit Papier arbeitet.

„Wahrscheinlich kommt gerade durch die digitale Revolution der Wunsch nach analogen Erlebnissen und Sachen auf, die mehr Standfestigkeit zeigen und länger da sind. Das gibt einem Sicherheit, gerade auch beim Planen und Organisieren.“

Da Jasmin umweltbewusstes und achtsames Leben wichtig ist, bewegen wir uns mit den Öffentlichen weiter in ihr Büro, das eine halbe Stunde entfernt liegt. Wir nehmen die Tube, wie man in London die U-Bahn nennt, und einen der berühmten roten Doppeldeckerbusse. Wir schieben uns in den Röhren durch Menschenknäuel, scherzen kurz mit dem Busfahrer, atmen die Metropole ein. Anzüge wechseln mit afrikanischen Kleidern, vor den Fenstern ziehen Souvenirshops, Café und verglaste Eingänge der Hochhäuser vorbei. Da wir uns ein wenig verquatscht haben, überspringen wir eine typische Station von Jasmins Morgenroutine: den Besuch im Food Market.

U-Bahn Jasmin

Jasmin zog der Liebe wegen vor einigen Jahren nach London und fühlt sich inzwischen wohl, was allerdings etwas gedauert hat: „Es ist eine Stadt, in der Leute nachweislich länger brauchen, um anzukommen. Es ist einfach super multikulturell, sehr laut und manchmal auch anstrengend. Für mich als introvertierte Person ist London eine ziemliche Aufgabe und Challenge, jeden Tag.“

Jasmin und Freund
Jasmin London

Im Stadtteil Brixton angekommen, betreten wir ein von außen unscheinbares und in die Jahre gekommenes Backsteingebäude, in dem sich Jasmins Büro befindet. Wie so viele Freelancer arbeitete sie zu Beginn viel von zuhause aus, genoss die Vorteile, komplett flexibel leben und arbeiten zu können, auch einmal im Pyjama am Laptop zu sitzen. Dann füllte sich die Wohnung immer mehr mit Arbeitsmaterialien und es fehlte zunehmend der Kontakt zur Außenwelt, zu Kollegen und Gleichgesinnten. Der nächste Schritt war das Büro, das wir jetzt betreten und das sie sich mit zwei Künstlern teilt. Die beiden Illustratoren sind gerade unterwegs, was Jasmin nutzt, um eine Collage auf dem Boden zwischen den Tischen vorzubereiten. Eine Auftragsarbeit für einen namhaften Kunden. Bevor sie loslegt, macht sie uns einen typisch englischen Tee, den ich mit Milch nehme. 

„Darfst Du mir den einen oder anderen Kunden nennen, für den Du arbeitest?“

„Derzeit mache ich viel im Nachhaltigkeitsbereich, arbeite mit Held zusammen, dem Schweizer Pendant zu Ecover. Ansonsten habe ich gerade was für Origins gemacht und im Bereich Stationery Illustrationen für eine Marke namens Schneider, die haben ein tolles, nachhaltiges Konzept, sitzen im Schwarzwald. Für die mache nicht nur Produkttests, sondern demnächst auch eine Fotoreportage zu recht coolen Sachen, die sie am Standort haben, zum Beispiel Maschinen, die die Energie des Gebäudes erzeugen.“

Schon bei unserer Tour in Texas bewunderte ich, mit welch einfachen Mitteln Jasmin hervorragende, kreative Ergebnisse hervorbringt. Während sich auf dem Boden eine Produktflasche und ausgeschnittene, farbige Pappformen gruppieren, sieht das Ganze abfotografiert auf dem Bildschirm großartig aus.

Schon bei unserer Tour in Texas bewunderte ich, mit welch einfachen Mitteln Jasmin hervorragende, kreative Ergebnisse hervorbringt. Während sich auf dem Boden eine Produktflasche und ausgeschnittene, farbige Pappformen gruppieren, sieht das Ganze abfotografiert auf dem Bildschirm großartig aus.

Jasmin auf Arbeit

Jasmin ist unter ihrem Handle teaandtwigs auf diversen Kanälen zu finden und es lohnt sich durchaus, diesem nachdenklichen, intelligenten und sympathischen Menschen einen Besuch abzustatten.