Interview mit einem Pionier:

„Warum gibt es noch Autos, die mit Benzin fahren und Menschen, die mit Öl heizen?“

Alexander Ihl
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Alexander Ihl
Pressesprecher, E.ON SE

Ein kalter Wind weht durch die große Stadt, im Fluss spiegeln sich ihre Lichter. Ich stehe mitten auf einer Brücke und es ist so still und dunkel, wie es nachts um halb Vier in einer Großstadt nur sein kann. Wo bin ich? Und wie bin ich hier her gekommen?

Ein Licht kommt immer näher und mit ihm eine elegant, aber altmodisch bekleidete Gestalt, der Schein der Lampe beleuchtet ein bärtiges, recht altes Gesicht. Der Unbekannte hat einen langen, schwarzen Wintermantel an und grinst verschmitzt zu mir rüber. „Na, Leo, so allein hier draußen? Komm mit über die Brücke, wir gehen ins Warme. Ich muss mal mit Dir reden“, sagt der alte Mann zu mir. Ich folge ihm, über den Fluss, den Straßenbahnschienen nach – vielleicht weiß er, was ich hier soll. Aber woher kennt er meinen Namen?

Brücke

Wir laufen eine Weile schweigend nebeneinander her, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Ein großes Gebäude taucht auf, unübersichtlich, mit vielen Anbauten, aber dennoch irgendwie vertraut. Ich glaube, ich weiß wo ich bin – auch wenn ich immer noch keine Ahnung habe, wie ich hierhergekommen bin.

„Willkommen im Deutschen Museum“, sagt mein unbekannter Freund, zückt einen großen Schlüsselbund und öffnet eine e dunkle Tür. Das Licht blendet mich, die Wärme strömt aus der Türöffnung. Wir gehen hinein und stehen in der mir bekannten Empfangshalle, mit den zwei Treppen links und rechts und einer modernen Informationstheke  am Rand.

Ich schaue mir den alten Mann genauer an und stutze. Ich kenne ihn von vielen Fotos. Es ist Oskar von Miller, der Pionier der Elektrifizierung in Deutschland, und der Gründer dieses Museums. „Das kann nicht sein“, denke ich, „der ist 1934 gestorben!“ Und doch steht er jetzt vor mir, läuft die Treppe hoch in ein kleines Büro schnappt sich schwungvoll einen alten Ledersessel und schiebt mir ebenfalls einen rüber.

„Setzt Dich, Leo! Ich bin bei Dir vorbeigekommen, weil ich ein paar Fragen habe, die mir schon lange keine Ruhe mehr lassen. Nenn mich einfach Oskar – so macht Ihr das heute doch, oder?“

Ich ringe um meine Fassung, aber es ist mir natürlich eine Ehre, mit dieser Koryphäe zu sprechen. „Die Gelegenheit bekommst Du nie wieder, egal wie verrückt das alles ist“, denke ich und antworte: „Guten Abend, Herr von Miller, ich bin Leonhard Birnbaum und Ingenieur wie Sie. Aber das wissen Sie ja vermutlich alles. Nennen Sie mich gerne Leo und fragen Sie, was Sie wollen – ich hoffe, ich habe die dazu passenden Antworten.“

„Das weiß ich, Leo. Und ich weiß auch, dass Du für E.ON arbeitest. Das ist offenbar das Unternehmen, das seine Wurzeln auch im Bayernwerk hat, das ich vor fast einhundert Jahren gegründet habe. Und das es sogar heute noch gibt.“

„Ja, Oskar, das ist vollkommen richtig. Das Bayernwerk heißt seit ein paar Jahren wieder so wie früher, und es hat immer noch die Aufgabe, weite Teile Bayerns mit Strom zu versorgen.“

„Ihr bringt den Strom in jeden Haushalt, Leo, Ihr könnt ihn mittlerweile sogar als Gleichstrom über weite Strecke fast verlustfrei übertragen. Das habe ich mitbekommen. Aber warum heizt Ihr noch mit Öl und Gas? Warum fahrt Ihr noch Autos mit Benzinmotor? Ihr könntet das alles mit Strom machen, den es durch Euch jetzt überall gibt! Das ist so fantastisch, dass ich mir das zu meiner Zeit gar nicht vorstellen konnte. Und doch nutzt Ihr dieses Potenzial nicht. Warum ist das so?“

„Das muss für einen Ingenieur aus dem frühen Jahrhunderts wirklich fantastisch klingen. Aber ganz so einfach ist das nicht. Und Dir brauche ich doch nicht zu erzählen, dass man eben nicht alles, was technisch machbar ist, auch gleich umsetzen kann. Es braucht viel, viel eigenen Willen und eine Menge Beharrlichkeit, um aus der Theorie in die Praxis zu kommen. Und wir müssen die Menschen mitnehmen, sie mit guten Angeboten überzeugen.“

„Das kannst Du laut sagen. Wie lange ich allein dafür werben musste, bis ich anfangen durfte, das Deutsche Museum hier aufzubauen!“

„Tja, und heute besuchen es jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen – weil es bekannt und beliebt ist. Was übrigens auch ein Teil der Antwort auf Deine Fragen ist, Oskar: Denn wie so oft geht es auch bei Elektroautos oder Heizen mit Strom um Nutzen und Akzeptanz. Die entsteht, das weißt Du genauso gut wie ich, wenn die Menschen Ihren Vorteil sehen: finanziell beispielsweise, oder in Sachen Komfort.“

„Aber den gibt es doch, oder nicht? Strom ist kein Luxus mehr, so wollte ich es schon damals.“

„Na ja, Strom kommt mittlerweile in jedes Haus, das stimmt. Und Luxus ist er auch nicht. Aber es gibt ihn auch nicht umsonst.“

„Warum nicht, Leo? Strom bringt Wohlstand und Vermögen, so war das jedenfalls zu meiner Zeit. Und mittlerweile könnt ihr in nicht nur aus Wasser gewinnen, sondern sogar aus Wind und Sonne. Die kosten alle drei nichts.“

„Die Anlagen aber schon, Oskar. Genau so, wie dieses Museum, das Du damals gegründet hast. Und die Netze kosten ebenfalls Geld, denn sie sind heute weit verzweigt und länger als früher. Und viel moderner. Sie können mittlerweile den Strom aus vielen kleinen Anlagen aufnehmen, verteilen und zusätzlich noch Schwankungen ausgleichen. Denn nur Wasser fließt an vielen Flüssen bei jedem Wetter, Wind und Sonne sind nicht immer da.“

„Das nenne ich mal eine Herausforderung. Wie löst Ihr das?“

„Wir machen unsere Netze intelligent, beispielsweise mit Transformatoren, die Spannungsschwankungen selbstständig ausgleichen. Und sorgen dafür, dass in Zukunft die Energie, die vor Ort erzeugt wird, auch direkt dort genutzt werden kann.“

„Ihr macht das Netz also überflüssig?“

„Nein, überflüssig wird das Stromnetz keinesfalls. Es wird nur viel engmaschiger, mit Verbindungen in jede Richtung. Wir sprechen vom Internet der Energie und ziehen damit einen Vergleich zu einer technischen Entwicklung, die das Leben der Menschen von heute schon einmal revolutioniert hat. Die Energienetze werden das ein zweites Mal schaffen - in ein paar Jahren.“

Netze
Wind park

„Zurück zu meiner Frage Leo: Warum ist Strom nicht allgegenwärtig? Warum gibt es noch Autos, die mit Benzin fahren und Menschen, die mit Öl heizen?“

„Weil solche Entwicklungen immer Zeit brauchen. Du musstest die Menschen auch nach und nach davon überzeugen, dass sich Strom über weite Strecken transportieren lässt. Wir sind aber auf einem guten Weg: Wir legen in ganz Europa nicht nur mehr Wert auf Umwelt- und Klimaschutz, sondern machen auch die Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren immer billiger. Damit wird sie zum echten Wettbewerber von Kohle und Öl. Gib uns noch ein wenig Zeit, Oskar.“

„Okay, Leo, das will ich gerne machen. Und dafür sorgen, dass wir uns in ein paar Jahren wieder treffen. Ich danke Dir für dieses Gespräch. Schon spannend, wie weit Ihr Stromnetze und Erzeugung weiterentwickelt habt. Ihr seid auf einem sehr guten Weg! Du findest allein raus, oder?“

Während er spricht, steht Oskar auf, reicht mir die Hand und wendet sich um zum Gehen. Die Tür knarrt und wird leise geschlossen. Da sitze ich nun, schaue mich noch einmal um und fasse es immer noch nicht, dass ich gerade mit dem Menschen gesprochen habe, der das Stromnetz in Deutschland erfunden hat – und seit fast 85 Jahren tot ist.

Eine Menge anderer Geräusche mischen sich in die Stille, es wird langsam hell. Die Großstadt erwacht. Und es piept in regemäßigen Abständen, erst leise, dann immer lauter. Und plötzlich finde ich mich in meinem Bett wieder – Zuhause und in der Gegenwart. War das alles nur ein Traum? Eine Vision? Aber mal ganz ehrlich: Das kannst Du Dir nicht ausdenken…

München

Oskar von Miller

Oskar Miller, ab 1875 von Miller, (* 7. Mai 1855 in München; † 9. April 1934 ebenfalls in München) war ein deutscher Bauingenieur. Er wurde als Elektrotechniker, Wasserkraftpionier und Begründer des Deutschen Museums bekannt.

Von 1918 bis 1924 war er Projektleiter beim Bau des damals größten Speicherkraftwerks der Welt, des Walchenseekraftwerks. Ebenso trieb er den Aufbau eines gesamtbayerischen Stromversorgungsnetzes voran. Aus dieser Initiative entstand das Bayernwerk.

Oskar von Miller veröffentlichte zahlreiche Bücher, die zu Standardwerken der Energiewirtschaft wurden. Nach ihm sind zahlreiche Straßen, Plätze in verschiedenen deutschen Städten benannt.

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