#onedaywith Ismail Öner

Der Kiezcoach

Ismail Öner

Eine Prise westdeutscher Kleinstadt, ein jachtlastiger Hauch von Cote d'Azur und ein überregional bekannter, sozialer Brennpunkt: Das sind nur drei der vielen Zutaten von Berlin-Spandau, der kommunalen Wundertüte im Westen der Hauptstadt.

Hier wohnt Ismail Öner, genannt Issi, Initiator und Kopf des MitternachtsSport e.V., eines vielfach ausgezeichneten Sozialprojektes zur Prävention und Integration. Wir wollen den Mann kennenlernen, der es nachweislich geschafft hat, manch schwierigen Kandidaten auf den richtigen Weg zu bringen und mitunter Jugendkriminalität im Bezirk zu senken.

Rainer Stenzenberger
Autor
Rainer Stenzenberger
Digitale Kommunikation & Social Media

Vor dem Match

Als wir zum zweiten Frühstück eintreffen, ist die Familie Öner schon nicht mehr vollzählig. Seine Frau Nuray und Tochter Laila sind bereits zum Shopping aufgebrochen, zurück bleibt der Männerhaushalt aus Issi, seinem Sohn Azad und dessen besten Freund, der hier übernachtet hatte. Während wir uns bei einem starken, schwarzen Kaffee unterhalten, fällt mir das goldene Bambi auf, das der MitternachtsSport vor einigen Jahren erhielt. Das Tier ist überraschend schwer, liegt aber gut in der Hand und ich könnte es mir elegant in meiner Wohnung vorstellen. Issi lacht und verneint, schenkt mir dann von diesem wirklich sehr starken Kaffee nach. Ich bitte zum Start wie immer um eine kurze Chronologie seines Werdegangs. Die gerät dann so ausführlich, bunt und spannend, dass wir etwas zu spät Richtung Büro aufbrechen können. Er ruft daher seinen Mitarbeiter an und teilt ihm mit, dass wir uns später nicht im Büro, sondern direkt im Jugendcafé treffen, dem Basislager des MitternachtsSports.

Ismail bei dem Frühstück
Bambi Award bei Ismail

„Für Stift und Papier war immer Geld da. Meine Eltern waren davon überzeugt, dass sozialer Aufstieg nur über Bildung funktioniert.“

Der Capitano

Mit Croissants und einer Ladung Sucuk, einer türkischen Knoblauchwurst, im Magen brechen wir zwei Stunden später auf. Wir  gehen einen leichten Umweg, wollen uns einen klassischen Käfigplatz ansehen. Der kurze Weg dorthin dauert länger als geplant, da jeder zweite Fußgänger Issi begrüßt. Dann werden Worte gewechselt, meist auf deutsch, manchmal auf türkisch, es wird gelacht, sich abgeklatscht, Grüße werden ausgerichtet, Wünsche geäußert, man kehrt wieder zurück, klatscht sich nochmal ab, flüstert sich etwas zu, trennt sich. Nach dreihundert Metern habe ich das Gefühl, mit dem Rockstar von Spandau unterwegs zu sein.

Der Käfigplatz eignet sich perfekt für Streetball. Rau, direkt, Fouls tun auf dem harten Untergrund richtig weh. Aufgeschürfte Knie, Pferdeküsse, nichts für Warmduscher. Hier wird in Kürze wie jeden Mai der E.ON MitternachtsSport Cup ausgetragen. Die Jugendlichen nehmen das Turnier fast so ernst wie wenige Kilometer weiter die Profis, die am selben Tag im Olympiastadion das „echte“ Pokalfinale austragen.

Ismail auf dem Fußballplatz

Ausbildung und Straftraining

Auf dem Weg ins Jugendcafé erzählt Issi im Schnelldurchlauf, wie er zur Idee des MitternachtsSport kam. Seine kurdischen Eltern kamen als klassische Gastarbeiter vor mehr als 50 Jahren nach Deutschland, drei ihrer Kinder wurden noch in der Türkei geboren, vier weitere in Deutschland, darunter Issi. Trotz guter Leistungen erhielt er von seiner Grundschullehrerin zwischen der ersten und dritten Klasse insgesamt 18 Empfehlungen für die Sonderschule – eine erste, prägende Erfahrung, wie sehr er sich mehr als andere anstrengen musste. Seine Mutter setzte sich allerdings gegenüber der Lehrerin durch, Issi ging aufs Gymnasium und schrieb als Abiturient die beste Deutschklausur des gesamten Jahrgangs. Wie seine Geschwister wollte er studieren, versuchte sich am Medizinstudium, einigen Semestern Geschichte und Politik für Lehramt und last but not least an einer Banklehre.

Nichts passte so richtig, dann half das Schicksal nach. Eines Abends kam es zu einer "Situation", bei der Issi einer Freundin tatkräftig und handgreiflich zur Seite stand - was der Jugendrichter weniger überzeugend fand und weshalb er ihn zu 16 Stunden Sozialarbeit in einer Jugendfreizeiteinrichtung verdonnerte. Ein Schlüsselerlebnis. Issi spürte seine starke Wirkung auf junge Menschen und wie sehr ihn das erfüllte. Da er selbst in einer schwierigen Gegend aufgewachsen war, der berüchtigten MauMau-Siedlung im Spandauer Stadtteil Haselhorst, verstand er, was die Jugendlichen antrieb und wie sie tickten, auch gegenüber staatlichen Autoritäten. So wurde der Wunsch geboren Sozialpädagoge zu werden. Vom Saulus zum Paulus. Herkunft und Biografie erwiesen sich als Pluspunkt für seine Street Credibility.

Im Heimstadion

Das Jugendcafé empfängt den Besucher mit einer speziellen Mischung aus Café, Gaming Treff, Hausaufgabenbetreuung und Vereinsheim. Vor der Spielkonsole drängelt sich eine Gruppe Mädchen auf dem Sofa und zockt ein Sportspiel. Es wird gegackert und angefeuert, zwei Jungs, die Hausaufgaben machen, ziehen sich an einen Tisch mit maximaler Entfernung zurück. An der Bar wird von einem Mitarbeiter aus Issis Team Kakao zum Selbstkostenpreis ausgegeben.

Was einem Fußballfan sofort ins Auge fällt, sind die zahlreichen gerahmten Trikots an einer langen Wand des Cafés: Jérôme Boateng, Gonzalo Castro und weitere bekannte Profifußballer haben sich mit einem handschriftlichen Dank an den MitternachtsSport auf ihren Trikots verewigt. Wie kam es dazu? Issi gesellt sich dazu und zeigt auf Boatengs Trikot.

Im Jahr 2007 spitzte sich die Situation im Kiez Heerstraße Nord dramatisch zu. Ein klassisches Ghetto vergleichbar zu Trabantenstädten am Rande französischer Großstädte drohte zu kippen. Die Polizei deklarierte die Heerstraße Nord zu einem kriminalitätsbelasteten Ort, was zu erhöhter Polizeipräsenz und nonstop Identitätskontrollen führte. Die Situation schaukelte sich hoch, der Ärger auf beiden Seiten wuchs und Issi beschloss, die Parteien zusammenzubringen, um sich auszutauschen. Dieser erste Schritt reichte aber offensichtlich nicht aus, vor allem abends am Wochenende musste etwas getan werden, um die Jugendlichen sinnvoll zu beschäftigen.

Mädchen im Jugendcafé

„Hier werden unsere Goldenen Regeln gelebt: Respekt, Toleranz und Fairplay.“

Issi adaptierte das aus den USA bekannte Konzept des abendlichen Sports und organisierte die Öffnung von Schulsporthallen. Startschuss für den MitternachtsSport war schließlich Dezember 2007 mit einem ersten Turnier aus fünf Teams der Polizei und fünf Teams mit Jugendlichen. Seitdem werden jedes Wochenende die Hallen geöffnet und die Kids von der Straße geholt, um Perspektivlosigkeit und Langeweile eine sinnvolle Alternative entgegenzusetzen.

Zwei wesentliche Elemente runden das Konzept ab: die sogenannten „Großen Brüder“ und die sozialpädagogische Arbeit. Die Großen Brüder entstanden als Antwort auf den typischen Verlauf vieler sozialer Projekte: Man arbeitet mit viel Herzblut und Engagement, doch die Außenwelt bekommt zu wenig mit. Es brauchte Zugpferde! Issi kannte Jerome Boatengs Frau persönlich und so kam es zustande, dass der Superstar gemeinsam mit Issi den MitternachtsSport e.V. im Jahr 2010 gründete. Inzwischen gibt es fünfzehn “Große Brüder“, darunter Profis wie Manuel Schmiedebach, Marvin Knoll oder Jordan Torunarigha, die in Spandau groß geworden sind und sich immer wieder vor Ort engagieren, sich sehen lassen, mitkicken. Issi drückt den Wert der Begegnungen mit den “Großen Brüdern“ für die Jugendlichen in seiner unnachahmlichen Art aus: „Sie geben ihnen 100 Liter Selbstbewusstsein!“

„Es ist unfassbar, großartig, wie wir es schaffen, die kleine Lebenswelt eines Jugendlichen bei uns positiv zu beeinflussen.“

Jungs beim Fußball

Awards Champions League

Bevor wir das Café verlassen, um zur Schulhalle aufzubrechen, bleibe ich an der Säule mit den Ehrungen hängen. Vom besten Sportprojekt in der EU über den Integrationsbambi bis hin zum Laureus, dem Sport-Oscar, dem DFB-Integrationspreis und dem Botschafterpreis der Bundesregierung, wurde das Projekt mit Preisen überhäuft. So ehrenvoll dies auch sei, das allein reiche nicht aus, meint Issi: „Wir wurden für die Erfolge fast abgestraft, weil viele meinten, wir würden das alles doch jetzt allein schaffen und bräuchten keine Unterstützung mehr. Kratzt euch das Gold vom Bambi ab, hörten wir beispielsweise.“

Deshalb sei es so wichtig, dass man mit Partnern wie E.ON zusammenarbeite, die Issi als Schutzschild für den Verein sieht. Die Unterstützung dieser Partner hat dem MitternachtsSport auch dabei geholfen, sich personell besser aufzustellen: Inzwischen wird Issi von drei Festangestellten unterstützt.

Fußballspiel beim Mitternachtssport

Das Runde muss ins Eckige

Die Jungs kämpfen lautstark um den Ball, ein heftiges Foul führt zu einem Sturz gegen die Hallenwand. Bevor die Szene eskaliert, wird Issi um Rat gefragt – die Teens sprechen ihn dabei mit „Abi“ an, dem türkischen Wort für großer Bruder. Es drückt sehr umfassend die Stellung von Issi aus: Man fühlt sich ihm einerseits nah, begegnet ihm andererseits mit gebührendem Respekt. 

Während des Spiels leuchten Issis Augen. Fußballfans verstehen sich fast blind. Fußball, die Metapher für das Leben, für so vieles, was uns stark, aber auch sozial macht. Der Sport, der wie kaum ein anderer Emotionen aus der Tiefe unseres Seins herausbrechen lässt. Aber auch der Sport, der am Ende genau die Werte vermittelt, die für den MitternachtsSport die drei Säulen des Miteinander bilden: Respekt, Toleranz und Fairplay.

Eigentlich wollte ich nach einer halben Stunde aufbrechen, aber dann müssen wir dringend noch besprechen, ob Messi oder Ronaldo der prägende Fußballer des Jahrzehnts ist. Und wann Hertha es endlich nach ganz oben schafft. Und warum Pal Dardai gehen musste. Und, und, und… 

Ismail in der Sporthalle

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