Schlafen kannst Du später. Berlin 2028.

Berlin 2028

Wie können unsere Städte klimaneutral und mit grüner Energie versorgt werden? Wie sieht dann das Leben beispielsweise in der Hauptstadt Berlin aus? Wir haben einen Blick in die Zukunft gewagt, unsere Zeitmaschine hielt im Jahr 2028 an: Schlüpfen Sie für einen Tag in die Haut eines Berliner Taxifahrers. Viel Vergnügen!

Rainer Stenzenberger
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Rainer Stenzenberger
Manager Stakeholder Communications E.ON
Taxi

7.15 Uhr Wedding, Beusselstraße

Liz hält noch ihren Schönheitsschlaf, atmet leise seufzend, während ich mich aus dem Bett schäle. Kuss auf ihren schlanken Nasenrücken, dann breche ich auf. Frühschicht am Messetag, da gibt’s viel zu tun. Holla, die Waldfee, ist das frisch, als ich die Straße betrete!

Ich reibe meine Handflächen aneinander, weiche einem Reinigungsroboter aus, hole mir bei Ali im Späti einen Kaffee und ein Hörnchen (nur einsfuffzich zusammen, ich liebe Berlin!), gehe zur Taxispur.

Kalle ist schon da. So breit wie hoch, mit Schnauzer und Dauerwelle, also voll trendy: Angesagter Look der "Byler" (=Berlin Styler) im heißesten Kiez von Berlin, in Reinickendorf.

"Schwarzlader!" zeigt Kalle auf einen zivilen Wagen, der auf unserer Induktionsspur parkt. Kontaktloses Laden ist der Knaller. Obwohl pausenlos neue Schleifen in die Straßen gesetzt werden, kommen sie nicht nach damit. Induktives Laden rockt wirklich. Kostet nüscht und man hat kein Kabelgedöns. Und als die Bayern und Stuttgarter vor drei Jahren tatsächlich mal schicke E-Autos produzierten, explodierte der Markt.

Wie mein Taxi, eine lässige Mischung aus Batmobil und Hightech-Flunder. Mein Handy connected sich von allein mit dem Wagen, die Tür zischt auf, ich bekomme den Ladestand angesagt und erhalte einen Anruf von Susi aus der Zentrale. Was eher selten passiert, weil praktisch jeder per App bestellt, aber manche älteren Herrschaften oder Touristen benutzen das Telefon. Oldschool, doch irgendwie süß.

8.00 Hauptbahnhof.

Statur wie ein Pitbull, die Glatze blankpoliert wie eine Billardkugel und ein mandeläugiges Lächeln, dass die Sonne ein zweites Mal aufgeht: Mein Kunde strahlt mich an, als brächte ich Geschenke. "Lotes Lathaus, bitte!" Um diese Uhrzeit? Hmkay! Frage ihn, ob wir den direkten Weg nehmen sollen oder über die Prachtmeile Unter den Linden (wollen die Touris meistens und er dann auch).

Am Kanzleramt und dem Abgeordnetengebäude glitzern Hunderte von Solarzellen in der Morgensonne. "Das erste Regierungsviertel Europas, das sich ausschließlich aus Erneuerbaren Energien speist!", spule ich mein übliches Programm herunter, während er Fotos macht.

"Photovoltaik! Aus China!", ruft er und freut sich, als hätte er jede Solarzelle einzeln aufgestellt.

Kanzleramt
Berlin

8.20 Mitte, Unter den Linden

Mein Fahrgast will vor seinem Termin noch ein 4K-Video in die Cloud hochladen, fragt, wo es W-LAN oder das schnellere Li-Fi gibt. Ich fahre unter eine Straßenlaterne und zeige auf die dreizackförmige Antenne hinter der Lampe. "Überall im dicken B! Einfach auf die Laternen mit den Sendern achten!" Mein Fahrgast lächelt die Bemerkung weg.

 

Smart Home App

10.00 Alexanderplatz

Ich starte meine Smart Home App und werfe einen Blick über die Security Cam in meine Wohnung. Im Schlafzimmer angelangt, sehe ich Liz noch immer schlafen. Süße, raus aus den Federn! Die Jalousien wandern nach oben, die Sonne wird sie wachkitzeln. Dann starte ich die Kaffeemaschine, die Fußbodenheizung und schließlich ihren Lieblingssong dieser südkoreanischen Girlie Band als Klingelton zum Aufwachen. Es dauert zwei Minuten, bis sie sich gähnend auf dem Bildschirm meldet: "Kennen wir uns?"

12.30 Mehringdamm, Curry 36

Kalle und ich haben uns zu einer Currywurst verabredet. Die Taxen stehen auf der Induktionsschleife direkt vor der Bude. Die ehemalige Rufsäule hat E.ON zu einer Multi-Ladestation umgebaut. Die wird von Joggern oder Kunden der Bude vor allem für ihre Mobiltelefone und Fitness Gadgets benutzt. Seit Handys mit Biosensoren verkauft werden, klaut sie praktisch niemand mehr - das Alarmsignal und der "Death Mode" machen das Ding für Diebe unbrauchbar.

Während wir uns darüber streiten, wer die beste aller Currywurstsoßen herstellt (Maxe oder Krasselts?), meldet sich Paps. Mein alter Herr bezeichnet sich selbst als Automobilist! Fährt einen 68er Mustang, schönes Teil! Aber dass ich ihn mit meinem Taxi bei einem kleinen Rennen besiegt habe, hat er noch nicht verwunden. "Du hast gegen einen E-Motor keine Chance, Papa! Das ist bauartbedingt. Die bringen in weniger als drei Sekunden einhundert Prozent Leistung." "Papperlapapp. Das war ein Frühstart von Dir, Junior! Heute um Mitternacht auf dem Parkplatz vorm Olympiastadion. Da ist niemand mehr unterwegs. Und kneif nicht!"

Induktionsschleife
E Bikes

14.00 Schöneberg, Euref-Campus

Ich sause meiner Süßen entgegen, über die Yorckstraße zum Euref-Campus. Liz trifft sich mit ein paar Forscher-Dudes. Das ganze Areal ist voller Superhirne, die irgendwas mit Energie machen. Ziemlich cooler Scheiß wie das Projekt von Liz, die eine Laser Lightshow für eine Benefizveranstaltung organisiert. Der Clou dabei: Solarenergie wird auf zwei sich zur Sonne neigenden, großen Fächern tagsüber direkt in den Zellen gespeichert und kann nachts für eine Freiluft Performance auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof genutzt werden.

Pflücke Liz auf. Küsschen, Schmusen, das ganze Feelgood-Programm, aber sie ist in Eile und schwingt sich auf ihr E-Bike. Wir fahren noch eine Weile nebeneinander - sie auf dem neuen Radweg, der mit winzigen LEDs und Solarzellen ausgerüstet ist - ich auf der separaten E-Spur für Taxis, beide locker am Stau der Benziner vorbei.

18.00 Wedding.

21.00 Kreuzberg, Skalitzer Straße

Lege mich aufs Ohr. Nur ein Viertelstündchen!

Verpennt. Na, super! Die Jungs warten sicher schon auf mich. Peinlich, wenn ich als Trainer zu spät komme! Mein Taxi zischt lautlos durch Berlin. An der Skalitzer Straße blicke ich nach links: Unter der Hochbahn befindet sich seit drei Jahren ein Speedway für E-Bikes, beleuchtet und mit Induktionsschleifen, die von unten zusätzlich Power geben. Die sind schneller unterwegs als ich im dichten Verkehr.

Fußballplatz

22.00 Wrangelkiez, Fußballplatz

Eine halbe Stunde Fußball im Wrangelkiez und ich bin ausgepowert. Murat, Sammy und die anderen keuchen ebenfalls. Gut so, dann bauen sie keinen Scheiß. Gesunder Körper, gesunder Geist. Bin froh, dass um diese Uhrzeit alles noch beleuchtet ist. MitternachtsSport ist einfach eine geile Sache. Ein Freund von mir, Ismail Öner, hat es groß gemacht und von Spandau in die anderen Bezirke getragen.

23.00 Schlossstraße, Steglitz

Ich blicke in den Sternenhimmel, wo ein langsam gleitender Zeppelin mit riesiger LED-Wand die Veranstaltung aus Tempelhof überträgt. Knaller: Die Teilnehmer steuern die solargepowerte Laserlichtshow mit ihren Fußtritten auf der Tanzfläche. Wie das geht? Keine Ahnung. Aber meine Süße hat's organisiert!

Laserlichtshow
Teufelsberg

00.15 Teufelsberg, Charlottenburg, mit Liz im Taxi

Endlich haben wir ein bisschen Zeit füreinander. Parken an unserem Lieblingsplatz mit Blick über die gesamte Stadt. Meine Süße rutscht nah an mich ran. In diesem Moment meldet sich das Handydisplay mit Paps im Bild. Er trägt bereits seine Autofahrerhandschuhe aus Kalbsleder.

"Junior, wo bleibst Du? Google sagt, Du bist am Teufelsberg. Wir waren verabredet!"

"Paps, heute nicht, okay? War ein langer Tag."

"Mach hinne!"
"Morgen, versprochen."

"Feigling!", lacht er mich im Screen an und kappt die Verbindung.

"Du lässt ihn gewinnen, okay?", flüstert mir Liz zu und lehnt ihren Kopf an meine Schulter.

Hinter uns hören wir leise die Flugwinddrachen, die nachts einige hundert Meter nach oben klettern, um den Wind zu ernten.

Das Ergebnis sehen wir vor uns: Die Lichter der Großstadt. Mein Berlin.

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