Die Nase im Wind

Amanda Gläser-Bligh
Autorin
Amanda Gläser-Bligh
Communications & Political Affairs, E.ON SE

Im Winter auf die Ostsee?

Die Reaktionen auf unseren geplanten Trip nach Arkona fielen gemischt aus. "Auf die Ostsee im Dezember? Na dann mal viel Glück", so der etwas ironische Kommentar eines Kollegen. Andere waren regelrecht betroffen: "Hey Amanda, erinnerst du dich an letztes Jahr? Das Segelboot im Hafen, wo du dich nicht so gut gefühlt hast?" Oh ja, ich erinnerte mich genau. Ich hatte mich wegen der meterhohen Wellen hinlegen müssen. Eines wurde damals klar: Ich bin ich eine zu 100 %-zertifizierte Landratte.

Trotzdem: Als ich den Anruf aus Essen bekam, dass noch ein Platz auf einem Crew Transfer-Schiff (CTV) zur Verfügung stand, konnte ich nicht absagen. Ich durfte mich mit auf den Weg zur Baustelle unseres neuesten Offshore Windparks Arkona in der Ostsee machen.

Vier Stunden unterwegs

Meine Skepsis wurde auch nicht durch die Tatsache gemildert, dass eine ähnliche Reise, die im November stattgefunden hatte, wegen schlechten Wetters und hoher Wellen abgesagt werden musste. Aber ich war mir nicht sicher, was schlimmer wäre: die ganze Zeit auf unserer gut vierstündigen Tour mit flauem Magen zu verbringen oder nicht auf die Baustelle mitten auf dem Meer zu können. Zur Sicherheit hatte ich jedenfalls ein Mittel gegen Seekrankheit eingepackt.

Bevor ich weitere Reisepläne machte, hatte ich mich zudem mit meinen Kollegen in Essen beraten. Wir würden uns auf der Insel Rügen im hohen Norden Deutschlands treffen. Von Berlin aus, wo ich lebe und arbeite, ist es ein Katzensprung, von Essen aus aber wie eine Reise zum anderen Ende der Welt. Andere von uns haben mehr Glück und arbeiten für das Offshore Windenergie-Team in Hamburg. Sie sind es gewohnt, hin und her zu reisen, da sie im Hafen Mukran in Sassnitz ein nigelnagelneues Betriebsgebäude haben.

Auf jeden Fall fragte ich, ob ich von Berlin aus mit dem Auto fahren müsse, weil es so aussah, als ob es genug Leute geben würde, mit denen ich fahren könnte, sobald ich auf Rügen angekommen wäre. Mir wurde geraten, CO2 zu sparen und den Zug zu nehmen. Dies sollte zu meinem Abenteuer beitragen, da es nicht so einfach ist, sich ohne Auto auf der Insel zu bewegen.

Die Ostsee im Sonnenaufgang
Jumbo Fairplayer
Verbindungsstücke bei Nacht

Ein gutes Omen

Die Zugreise selbst machte dann sogar ein wenig Spaß. Nur der Regionalzug fuhr am Tag meiner Reise nach Norden bis zum Ostseebad Binz und so hielten wir in vielen kleinen Städten mit für mich ungewöhnlichen Namen wie Cammin, Gnevkow, Grimmen oder Rakow an.

Viele dieser Städtchen haben nicht einmal einen gepflasterten Bahnsteig. Du hüpfst einfach in den Dreck und gehst fröhlich deinen Weg, dachte ich. Ich freute mich, dass eine Mutter und ihr Sohn von Berlin bis nach Cammin neben mir saßen. Dort wurden sie von einem freundlichen älteren Mann begrüßt. Der Junge rannte juchzend in seine Arme. Es erschien mir wie ein gutes Omen.

Karte Ostsee

Der erste Blick aufs Meer

Bei der Ankunft im Ostseebad Binz wollte ich mit Google Maps zu meinem Hotel gelangen. Es sollte zehn Minuten dauern. Damit konnte ich leben. Noch besser war, dass ich auf der Strandpromenade laufen konnte. Es war bewölkt, aber nicht zu kalt und es war toll, endlich das Meer zu sehen. Die Wellen krachten in den Sand. Ich genoss den kurzen Spaziergang zum Hotel - das sich als das falsche Hotel erwies. Im Dezember ist in Binz recht wenig los und die Rezeptionisten schienen enttäuscht zu sein, dass ich eigentlich woanders ein Zimmer hatte. Aber sie zeigten mir höflich die Richtung zu meinem Hotel.

Als ich weiterging und die salzige Luft einatmete, freute ich mich darauf, später im Hafen den Rest der Crew für das gemeinsame Abenteuer kennenzulernen. Wir hatten geplant, danach gemeinsam zu Abend zu essen. Das Essen an der Küste ist fantastisch, wenn man Fisch mag. Ich checkte ins richtige Hotel ein und bereitete mich darauf vor, die Crew zu treffen.

Sonnenaufgang Ostsee

Verlaufen - schon wieder

Ich war zuvor bereits viermal im Hafen von Sassnitz gewesen, aber das neue Betriebsgebäude hatte ich nie besucht. Doch ich befand mich im Besitz einer Skizze mit der Wegbeschreibung. Um halb fünf im Dezember in Norddeutschland ist es allerdings stockdunkel und zu allem Überfluss regnete es. Und unser GPS-System kannte die Straße nicht.

Mein Taxifahrer kannte nur den ersten Punkt auf der Karte, nämlich die Bäckerei Peters, die wegen der positiven Entwicklung des Hafens floriert. Vor rund einem Jahr erlebten wir hier die Eröffnungszeremonie für den Windpark. Viele lokale Politiker, unter ihnen der damalige Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, waren mit dabei gewesen.

Ich sollte also eigentlich die Gegend kennen, aber es war schwer, meinen Taxifahrer davon zu überzeugen, wohin er fahren sollte, und außerdem war es stockdunkel und ich war mir einfach nicht so sicher. Beide Straßen um den Hafen sollten sich gegenseitig umkreisen. Wir fragten ein paar Arbeiter, ob sie den Weg zum E.ON-Gebäude kennen würden. "Mir nach", sagte einer auf Englisch. Aber er brachte uns zum falschen Gebäude - trotz des richtigen Firmenlogos vor der Tür - was ich erst herausfand, als der Taxifahrer schon längst über alle Berge war.

Ich räume nur eben das Hundefutter weg...

Ich gehe hinein. Es ist spät und kaum jemand befindet sich noch im Raum. Aber man lässt mich wissen, dass ich am falschen Ort sei. Zwei Männer in voller Sicherheitsausrüstung sind sichtlich erregt: "Was? Auf Rügen ohne Auto? Sorry gute Frau, aber wir sind hier nicht in der Stadt."

Sonst ist keiner mehr da. Ich bestehe auf einen Fußmarsch, aber einer von ihnen, ein großer, gutaussehender Mann mit den langen Haaren eines Rockstars und strahlend blauen Augen, hatte Mitleid mit mir und bot an, mich in seinen Auto mitzunehmen. "Lass mich nur kurz den Sack Hundefutter wegräumen", sagte er. Das dauerte eine Minute und wir machten uns auf den Weg. "Hi, ich bin Hagen", sagt mein neuer bester Freund von Iberdrola. Er ist ein Elektroingenieur. "Ich habe früher für den Windpark Amrumbank West bei E.ON gearbeitet", erzählt er. Er ist stolz darauf, dass er über die Jahre befördert wurde und nun seltener aufs Meer hinaus muss.

Unterwegs sprach er kurz mit der Wache am Tor. "Schönes Wetter, oder?" und "Nicht viel los in dieser Jahreszeit, was?" Der Akzent der Menschen hier ist so anders als der von den Stadtbewohnern, mit denen ich normalerweise rede. Ich finde es erfrischend.

Wir fuhren weiter zum richtigen E.ON-Gebäude und ich war erleichtert, als ich Silke, eine Kollegin von mir, durchs Fenster sehe, wie sie heißes Wasser für Tee macht. "Ist das wirklich, wo du sein willst? Ich will dich nicht hier allein lassen.“ Hagen war etwas besorgt. Ich sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen, weil ich meine Leute sehe. "Es tut mir nur leid, dass ich dich nicht in meinem Mercedes mitnehmen konnte. Aber der ist für den Winter verstaut." Ich danke ihm aus tiefstem Herzen für seine Hilfe.

Meet the Press

Im Inneren des Gebäudes fand ich heraus, dass ich nicht die Einzige war, die Probleme hatte, den Weg zu finden. Aber alle anderen waren immerhin mit dem Auto gekommen und schließlich hatten sie ihr Ziel erreicht. Es gab Kaffee, Tee und Sandwiches - die Rettung für meinen hungrigen Magen.

Holger Matthiesen, der Arkona-Projektleiter, war ebenso wie einige seiner Mitarbeiter vor Ort. Mein Kollege Markus aus Essen, einer unserer Pressesprecher, war über Rostock angereist. Journalisten von nah und fern waren gekommen, um mehr darüber zu erfahren, was wir hier im Hafen und in der Ostsee machten.

Auch Frank Kracht, der Bürgermeister von Sassnitz, gesellte sich dazu. Morgen würde er mit uns raus fahren Er sagte, es sei seine erste Reise zu unserer Baustelle. Mit etwas Glück würden wir morgen die Fairplayer sehen, ein Installationsschiff, das ein TP (kurz für Transition Piece oder: Verbindungsstück) installiert.

Holger informierte uns über alle Fakten und Zahlen zum noch im Bau befindlichen Windpark. Es klang erstaunlich und beeindruckend.

Nachdem wir uns selbst vorgestellt und eine Reihe von Fragen an Holger und sein Team gestellt hatten, machten wir uns auf den Weg zum Passagierterminal im Hafen - neben dem einige unserer TPs noch auf die Abreise warteten. Es war dunkel, aber hatte aufgehört zu regnen und unsere Baustelle war gut beleuchtet. Wir durften ein wenig im riesigen Dock herumlaufen, wo die Fairplayer angedockt war und TPs geladen wurden. Wir alle nahmen viele Bilder von den unglaublichen Bauteilen auf.

Bauarbeiten im Windpark Arkona
Arkona Monopile
Amanda Gläser-Bligh

Ist der Fisch auch frisch?

Das Abendessen mit unserer Crew im Restaurant Fischmarkt war wirklich köstlich und sehr unterhaltsam. Das lag an den vielen Geschichten, die Frank Kracht über das Leben auf der Insel Rügen erzählte, inklusive seiner persönlichen Geschichte. Wenn jemals jemand im Leben alles gemacht hat, dann ist er es. Er scheint ein Mann mit sieben Leben zu sein, der sich in vielen verschiedenen Berufen versucht hat und ein paar politische Regime durchlebt hat. Heute vergisst man schnell, dass wir in der ehemaligen DDR sind.

Aber an dem Abend kreisten all seine Gedanken um den Fisch. War er frisch? Und er meinte: War er wirklich frisch? Es gab ein paar Diskussionen mit dem Kellner, einem freundlichen jungen Mann in den Zwanzigern, der meinte, dass der Bürgermeister mit seinen Ansichten über Fisch vielleicht einen Schritt zu weit gehe. Kann frischer Fisch in Eis verpackt werden? Für den Kellner schien das möglich, aber Frank wollte nichts davon hören. Aber dann ließ er sich für eine Dorade doch überzeugen. Man unterhielt sich. Bäuche wurden gefüllt. Es war nicht viel los im Restaurant, also hatten wir ausreichend Zeit.

Fahrt zum Windpark Arkona

Fit für die See

Wir trafen uns am nächsten Morgen um Viertel nach sieben in der Hotellobby. Es regnete leicht, als wir Binz verließen, was mich nervös machte. Als wir uns dem Hafen näherten, wurde der Himmel plötzlich klar. Der Regen hörte auf und ein Hauch orangefarbenen Glanzes ragte am Horizont hervor. Vielleicht würde es doch ein guter Tag.

Wir nahmen uns Zeit, Sicherheitsschuhe, Schwimmwesten (die wirklich schwere Art mit einem High-Tech-Leuchtfeuer), Schutzhelme mit dem E.ON-Logo und Schutzbrillen auszusuchen. Einmal angezogen sahen wir wie ein richtiges Team aus. Jeder war gespannt – gleich ging es los.

Ich lud meine Kameraausrüstung auf und gab sie den Männern, die bereits an Bord waren. Der Abstand zwischen Kaikante und Boot war nicht gerade gering. Ich ergriff eine große, sichere Hand und sprang!

Auf großer Fahrt

Die Sonne stand jetzt ein bisschen höher am Horizont. Es wurde heller und das Wasser schien orangefarben. Frank hat die Orientierungspunkte auf unserer Backbordseite gefunden. "Das ist unsere schöne Stadt Sassnitz", sagte der Bürgermeister. Ich erwähnte, dass wir extrem viel Glück mit dem Wetter haben und ich meinte es durchaus ernst. "Für das Wetter ist hier natürlich auch der Bürgermeister verantwortlich", erwiderte er mit einem Lächeln und Augenzwinkern.

Nachdem wir die Gebäude mit ihrer typischen Bäderarchitektur passiert hatten, sahen wir die Kreidefelsen, die von der aufgehenden Sonne gelb-orange leuchteten. Ich zoomte mit meiner Kamera heran und hoffte, dass ich eines Tages die Chance bekomme würde, sie näher zu sehen.

Als wir die Klippen passiert hatten, waren wir nur noch von Wasser umgeben. Das Crew Transfer-Schiff transportierte uns bequem und vor allem warm. Doch draußen an Deck merkte man die Jahreszeit. Ich hatte sehr viele Fotos geschossen und meine Fingerspitzen verweigerten nun den Dienst - bis sie sich ein wenig aufwärmen durften.

Der Kapitän hatte uns auch eingeladen, das Deck oben zu besichtigen. Ich rufe der freundlichen Besatzung etwas zu und bin überrascht, dass sie Englisch sprechen. "Oh ja", sagt der Kapitän, "Wenn wir nicht mit einem anderen deutschen Schiff kommunizieren, sprechen wir Englisch. Die Gewässer hier sind voller Seebären aus Dänemark und Schweden." Und in der Ferne sehe ich eine Menge anderer Schiffe.

Arkona

Auf dem Grund des Meeres

Das erste, was wir sahen, als wir uns dem Gebiet unseres Windparks näherte, waren Windräder. Wie bitte? Ich dachte, wir wären noch in der Aufbauphase? Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Windpark Wikinger von Iberdrola. Wir kamen den Windrädern so nah, dass man ihre Turbinen perfekt sehen konnte.

Unsere Windturbinen werden auf so genannten Monopiles errichtet. Zuerst werden die Monopiles mit einem speziellen C-förmigen Schiff, der Svanen, mittels Vibrationen im Meeresboden verankert. Dann werden die hellgelben TPs mit einem weiteren Spezialschiff, der Fairplayer, am oberen Ende angebracht.

Wir kamen nur eine Stunde zu spät zur Fairplayer um zu sehen, wie ein TP installiert wird, konnten aber zumindest die Ergebnisse ihrer Arbeit begutachten: ein freistehendes TP! 

Fischfutter

Der nächste und letzte Stopp sollte ein TP aus nächster Nähe sein. Aber bevor wir ankamen, musste ich feststellen, dass es meinem Magen nicht so gut ging. Eigentlich erstaunlich, denn die Wellen kamen kaum auf 30 Zentimeter Höhe. Kaum mehr als ein Kräuseln also. Ich dachte an all die Reisen, die ich als Kind vor der Küste gemacht hatte. Zugegeben - es gibt nicht so viele Wellen, woher ich komme, aber mir ging es eindeutig nicht gut. Die Stühle des CTV sind mit kleinen Tüten ausgestattet - wie in einem Flugzeug. Ich ergreife eine und eile auf das Deck.

Silke schaut mich mit mitleidigen Augen an und nimmt mir die Tüte ab. "Du weißt, was da drin ist?", frage ich. Sie nickt mit dem Kopf. Es war mir peinlich, aber ich war auch erleichtert, dass nur ein paar Leute gesehen haben, was gerade passierte.

TP Wahnsinn

Ich ruhte mich für einen Moment aus. Als ich meine Augen wieder öffnete, befanden wir uns direkt am Verbindungsstück. Und damit meine ich: wirklich direkt davor. Ich schnappte mir die Kamera und ging an die frische Seeluft. 

Wir würden gleich an das riesige Verbindungsstück andocken. Auf der einen Seite gab es eine gelbe Leiter, mit der man auf die Windenergieanlage klettern kann. Das machen wir natürlich nicht - nicht zuletzt weil ja noch gar kein Windrad installiert ist. Aber was wir bekommen, ist eine Mega-Nahaufnahme dieser großen Schönheit im Wasser. Ich kann mir nicht vorstellen, dort nach oben zu klettern. Oder wie das mit einer riesigen weißen Turbine oben aussehen wird. Die Schaubilder, die wir am Vorabend gesehen haben, zeigten, dass ein Rotorblatt fast so groß ist wie ein Flugzeug vom Typ A380. Einfach nur: Wow!

Obwohl es mit so vorkommt, als ob wir nur eine Stunde draußen waren, haben wir fast vier Stunden vor der Küste verbracht. Es ist Zeit, umzukehren und zurück zum Hafen zu fahren. Der Kapitän meint, dass wir bei der Polizei eine Rückkehr für spätestens halb eins angemeldet haben. Dies sei wichtig, da wir uns zwischenzeitlich in internationalen Gewässern befunden haben.

Wir fuhren zurück nach Sassnitz und zum Hafen Mukran. Dort angelangt, legten wir unsere schwere Sicherheitsausrüstung im Betriebsgebäude ab. Hier wartete heiße Suppe auf uns. Ich freue mich, dass wir uns noch einmal aufwärmen können. Das nächste Mal, wenn ich hierher zurückkomme, werden vermutlich schon die 60 riesigen weißen Turbinen aus dem Meer herausragen. Mit Flügeln so groß wie ein Flugzeug und über hundert Meter hoch!

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