#onedaywith Amanda

Amanda und Vivien

Mrs America

Amanda Gläser-Bligh lebt in der Nähe des Lietzensees, in einer der schönsten und begehrtesten Ecken Berlins. Hier gleicht ein freier Parkplatz einem Fünfer im Lotto, weshalb ich zu unserem frühmorgendlichen Termin etwas zu spät dran bin. Ich flitze die sogenannte Antiquitätenmeile in der Suarezstraße entlang, wo sich rund dreißig dieser Geschäfte aneinanderreihen, einzigartig in Deutschland.

Kurz darauf sitzen wir uns in einer lichtdurchfluteten Altbauwohnung gegenüber. Amanda und ihre Tochter Vivien frühstücken soeben zu Ende, ich erhalte einen typisch amerikanischen Filterkaffee. Ehemann Hendrik arbeitet als Elektroingenieur in der Automobilwirtschaft und ist bereits unterwegs in die Firma. Die gebürtige Amerikanerin Amanda ist im Social Media Team der E.ON SE tätig und fällt dort immer wieder durch kreative, oft sehr lustige Ideen und Projekte auf. Sie betreut die internationalen Kanäle des Konzerns und ist ein wahrer Social Media Passionate.

Während Vivien ihren Rucksack für die Schule packt, setzen wir uns ans Fenster und plaudern, bevor wir gemeinsam in den Tag starten und das Haus verlassen.

Amanda auf ihrem Balkon
Dachterrasse

Amanda erzählt, wie sie in Connecticut aufgewachsen ist, einem kleineren Bundesstaat zwischen New York und Massachusetts. Schon mit etwa 10 Jahren fand sie es großartig, Dinge in der Natur zu erforschen, Steine auszugraben oder Tiere zu beobachten. Das führte einige Jahre später zum Studium der Geologie in Maine. Ein Pflichtteil des Studiums ist die Wahl einer Fremdsprache und Amanda entschied sich für Deutsch. Obwohl Amanda keinen Job als Geologin fand und nach dem Bachelor Abschluss in einer Investmentbank arbeitete, blieb die Verbindung zum Professor für Deutsch und seinen Studenten bestehen. Die Gruppe reiste nach Deutschland, wo Amanda Hendrik kennenlernte. Gegenseitige Besuche ließen die Liebe entflammen, beide heirateten und seit 2005 lebt Amanda in Deutschland, zuerst im Ruhrgebiet, seit 2014 in Berlin.

 

Social Media als Leidenschaft

Der Berliner Teil des Social Media/Digital Teams von E.ON arbeitet Corona bedingt seit Monaten überwiegend im Home Office, trifft sich heute aber zu einer Besprechung im Büro in der Friedrichstraße. Wir brechen auf, begleiten Amandas Tochter gemeinsam zur Schule und trennen uns danach kurz auf, denn Amanda wird das Fahrrad nehmen, ich steige in den Wagen. Es geht über den breiten Kaiserdamm Richtung Mitte, dann passiere ich die schöne Victoria, quere Unter den Linden und befinde mich vor einem Bürogebäude direkt am Bahnhof Friedrichstraße. Bis ich den Wagen geparkt habe, treffe ich vor dem Eingang bereits auf Amanda.

 

Das schöne, spätherbstliche Wetter ermöglicht ein Meeting auf der Terrasse, wo das Team einige Maßnahmen der nächsten Tage bespricht. Das Social Media Team räumte die letzten Jahre einige renommierte Preise für seine kreativen Aktionen ab, unter anderem den Digital Oscar des Deutschen Preises für Onlinekommunikation (DPOK) in der Kategorie „Innovation des Jahres“. Ansonsten wurden zuletzt hochprofessionelle Tiervideos, Influencer Formate auf Instagram und ein Chatbot Krimi auf Facebook produziert. Amanda ist stolz auf das Trio unterschiedlicher Persönlichkeiten, das sich nicht scheut, ständig immer wieder Neues anzupacken. Sie selbst schätzt ausgefallene Ideen, trat schon als Waldfee auf einer Energiemesse oder als King Kong in einer Instagram Story auf. Highlights sind oft spektakuläre Außentermine wie Besuche in einem Offshore Windpark weit vor der Ostseeküste oder kürzlich eine Videoproduktion unter der Erde nahe des Ostbahnhofs in Berliner Abwasserkanälen, die E.ON als Wärmetauscher für Energielösungen nutzt. Dabei werden Videos sowie zahlreiche Fotos gemacht, die später auf den Social Media Kanälen von E.ON gepostet werden. Amanda gilt als die Video-Queen im Team, macht von A-Z alles selbst: Produktion, Schnitt, Musik, Untertitel.

 

Was sind die wichtigsten Eigenschaften in diesem Job? „Neugier und Leidenschaft für Social Media. Wir surfen fast 24/7 mit unserem Handy auf den Kanälen. Besonderen Spaß macht mir derzeit TikTok, ansonsten auch Instagram und Facebook.“

Amanda und Rainer
Fahrrad

„Was treibt ein Energiekonzern auf TikTok?“ „Wir probieren immer wieder Neues aus. Nicht, weil uns langweilig wird, aber weil auf Social Media soviel in Bewegung ist und wir dort die Menschen ansprechen wollen, wo sie aktiv sind. Geschäftsleute natürlich eher auf LinkedIn oder Twitter, aber junge Menschen eher auf Instagram oder TikTok.“ Wenn man dem Trio aus Amanda und ihren beiden Kollegen zusieht, spürt man die fast kindliche Begeisterung für neue Ideen, in diesem Fall für ein interaktives Instagram Spiel mit Influencern. Es wird viel gelacht, die wichtigsten Ergebnisse in den Laptop getippt und ein Zeitplan aufgestellt. Hier liegt die große Stärke des Teams: Die rasche, operative Umsetzung, man hält sich weniger mit Prozessen und theoretischen Diskussionen auf. Die Gruppe löst sich auf und Amanda widmet sich in den nächsten beiden Stunden drei Projekten: Dem Hochladen von sogenannten Verticals (hochkantigen Videos) eines Influencers, der Energiethemen erklärt, auf TikTok; der Endkontrolle eines von ihr produzierten Vorstandsvideos; der Kontaktaufnahme zu einer Agentur, um das Bewerben einer Postingreihe zu besprechen.

Leben in der Hauptstadt

Straßenbahn
Monbijou

Als alles erledigt ist, klappt Amanda ihren Laptop zu, blickt erst auf die Uhr und dann mit mir gemeinsam hinab auf das Gewusel unter uns: links fährt am Bahnhof Friedrichstraße eine S-Bahn ein, direkt unter uns klingelt eine Straßenbahn, mittig in einiger Entfernung ist die Kuppel des Reichstags zu sehen und rechts von uns gleitet ein Touristenschiff über die Spree. Dit is Berlin!

„Was magst Du an Berlin besonders – und was nicht?“

„Der Verkehr ist viel entspannter als in anderen deutschen Städten. Klar, es gibt Baustellen und manchmal Demos, dann muss man warten, aber sonst kommt man gut voran. Der öffentliche Nahverkehr ist super. Die S-Bahn kommt alle zwei Minuten! Woran ich mich umgekehrt nur schwer gewöhne, ist, wie direkt einem manche Menschen etwas ins Gesicht sagen. Manchmal ist das nett, oft aber auch nicht.“

“Du scheinst Dich in Deutschland wohl zu fühlen. Gibt es dennoch Pläne, vielleicht irgendwann zurück in die Staaten zu ziehen?“

„Ja, das Leben hier ist einfach schön und nicht allzu kompliziert. Viele Menschen sind offen, das mag ich. Ich würde schon gerne irgendwann wieder in den Staaten leben. Das Wichtigste für mich ist meine Familie. Meine Eltern sind alt, meine Schwester schwer erkrankt und ich würde sie gerne mehr unterstützen, als ich es momentan kann.“

“Was würdest Du als Amerikanerin in Deutschland verbessern?“

„Die Bürokratie. Wenn man hier beginnt, ist alles sehr schwierig und dauert lange. Deutschland ist sehr gut organisiert und strukturiert, aber wohl vor allem für Großunternehmen. Ein Freund von mir ist selbstständig und beklagt sich oft darüber.“

Nach einigen Telefonaten und Videokonferenzen erklärt Amanda den Arbeitstag für beendet und wir fahren der sich langsam senkenden Sonne in Richtung Charlottenburg entgegen. Amandas Tochter ist bei Freunden im selben Haus zu Besuch, ihr Mann noch immer auf der Arbeit, also nutzt sie die Zeit vor dem Abendessen für eines ihrer liebsten Hobbys: Pokémon.

Pokémon? 

Mission: Pokémon!

Wer in diesem speziellen Universum nicht zuhause ist, wird mit Erstaunen nicht nur feststellen, wie langlebig dieses Spiel ist, sondern auch wie generationenübergreifend. Amandas Pokémonfreunde fast aller Altersgruppen kommunizieren fast täglich per Chat. Als sie mir davon erzählt, laufen wir festen Schrittes Richtung Lietzensee, während Amanda auf ihrer App eines dieser Pokémon Dinger sucht, das sich am Ufer befinden soll. Heute findet außerdem ein sogenannter „Raid“ mit Freunden aus ihrer Gruppe statt, auf den sich alle bereits freuen.

„Du befasst Dich also täglich mit Facebook, TikTok und Co – und in Deiner Freizeit jagst Du mit dem Handy Pokémons?“ frage ich grinsend. Amanda nickt, lacht kurz laut auf als sie einen Freund auf derselben Jagd erkennt, winkt ihm zu und flitzt in Richtung Fischerhütte, über die sich die untergehende Sonne senkt. Keine Zeit mehr für die Fragen von Noobs wie mir. Jetzt wird geraidet!

 

 

Pokemon

ANMERKUNG ZU DEN FOTOS: Der Tag mit Amanda entstand im Spätsommer bevor die verschärften Kontaktbeschränkungen galten.

Das könnte Sie auch interessieren