Die 5 Mythen der Windenergie

Rainer Stenzenberger
Autor
Rainer Stenzenberger
Digitale Kommunikation & Social Media
Amrumbank Sonnenuntergang

Wer ist dafür verantwortlich, dass die Blumen nicht mehr durch den Asphalt wachsen, unsere Kinder kein „Dankeschön“ mehr kennen und der FC Schalke 04 einfach nicht Meister werden kann?

Die Windenergie

Übertrieben? Angesichts der Vorwürfe, die wir auf unseren sozialen Kanälen gegen die Windkraft lesen müssen, scheint das nur leicht überspitzt. Interessant ist die regional unterschiedliche Wahrnehmung: Während wir auf unseren internationalen Plattformen mehrheitlich auf Zustimmung stoßen, zeigt sich die einheimische Community deutlich kritischer.


Was ist dran an den Vorwürfen? Wir nehmen uns die fünf häufigsten Contra-Argumente vor, auf die wir in unseren Netzwerken gestoßen sind. Anschließend führen wir einen kurzen Faktencheck durch, den wir mit entsprechenden Links unterfüttern.

Mythos 1 der Vogelkiller

Windräder töten tausende Vögel! In der Nordsee verenden Schweinswale durch den Baulärm von Offshore Windparks. Aber Hauptsache, Ihr streicht Euch grün an!

Vögel retten

Faktencheck. Alle seriösen, internationalen Untersuchen gelangen zu ähnlichen Schlüssen: Verglichen mit anderen hohen Gebäuden oder Energieerzeugungsarten ist die Mortalitätsrate bei Windturbinen viel geringer. Nach einer dänischen Studie sterben bei der Windenergie 0,27 Vögel pro erzeugter Gigawattstunde, bei fossiler Stromerzeugung 5,18 Tiere. Offshore tritt das Problem ohnehin kaum auf, denn Zugvögel fliegen deutlich höher.

Unbestritten: Während des Baus von Offshore-Anlagen kommt es zu akustischen Belästigungen, die Schweinswale vertreiben können. Dem steht gegenüber, dass die Gebiete nach Errichtung als bevorzugtes Jagdrevier einiger Tierarten gelten, weil die Beeinträchtigung durch die Schifffahrt entfällt.

Die Betreiber von Windparks nehmen das Thema Vogelschutz ernst: Abgesehen von passiven Schutzmaßnahmen wie entsprechender Planung abseits von Vogelflugrouten werden zunehmend Maßnahmen zum aktiven Schutz angewandt und erforscht. Viele Versorger unterstützen außerdem Vogelschutzmaßnahmen wie den Bau von Nisthilfen.

Hermann Hötker (NaBu Deutschland): „Es kommt vor allem auf den Standort an. Bei 80 bis 90 Prozent der Anlagen ist der sogenannte „Vogelschlag“ so gut wie kein Problem.“

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Mythos 2 der Krankmacher

Ich habe eine Windkraftanlage direkt vor meinem Haus und bei Sonnenschein fühle ich mich wie in der Disko. Dann dieses Gebrumme! Und der Infraschall, was ist damit?

Bowbeat in Schottland

 

Faktencheck. Trotz vielfältiger Diskussionen vor allem in Dänemark und Deutschland gibt es bis zum heutigen Tag keine einzige, wissenschaftliche Studie, die Schäden durch Infraschall am Menschen nachgewiesen hat. Dennoch nehmen Betreiber und Behörden das Thema ernst, was sich beispielsweise an den Mindestabständen zeigt, die in einigen Bundesländern erweitert wurden. Die Hersteller von Turbinen forschen verstärkt an geräuscharmen Rotorblättern wie dem Trailing Edge Serrations Verfahren oder auch an neuen Techniken wie rotorfreien Vortex-Turbinen.

Die Ergebnisse der meisten Studien verdichten sich an einem Punkt: Direkte physische Beeinträchtigungen sind nicht messbar, wohl aber psychische – hervorgerufen durch die Ablehnung der unerwünschten Technik.

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Mythos 3 der Landschaftsverschandler

Diese Ungetüme machen selbst vor den schönsten Landschaften nicht halt!

Bowbeat im Schnee

 

Faktencheck. Zugegeben: In der Vergangenheit entstanden onshore einige unrühmliche Beispiele, die so heute nicht mehr genehmigt würden. Inzwischen existieren strenge Richtlinien für die Genehmigung von Windparks. Davon abgesehen reden wir oft von individuellen Geschmacksfragen: Viele Menschen erfreuen sich am Anblick von Windrädern, was wir täglich auf unserem Instagram-Kanal erleben. Eine Studie von Professorin Hübner der Universität Halle-Wittenberg und eine Forsa Umfrage vom Oktober 2015 belegten sogar, dass 80% der Anrainer von Windparks die Windenergie positiv beurteilen.

Ein immer größerer Anteil an Windparks entsteht außerdem weit vor den Küsten, meist nicht mehr sichtbar für das menschliche Auge.

Gegenfrage: Eine Gesellschaft, die sich eindeutig zu Erneuerbaren Energien bekennt, muss diese auch irgendwo installieren – nur nicht vor der eigenen Haustür?

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Mythos 4 der Ressourcenverbraucher

Umweltschutz mit Windkraft? Dass ich nicht lache! Bei der Produktion der Teile wird so viel CO2 freigesetzt, das holen die nie wieder rein. Und was ist mit Seltenen Erden wie Neodym? Schon mal gesehen, unter welchen Bedingungen das Zeug in China abgebaut wird?

Rotorinstallation im Windpark Alpha Ventus

 

Faktencheck. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Forschungsinstitute belegen, welche Effizienzmeister Windkraftanlagen allein bei der Einsparung von CO2 sind. Je nach untersuchtem Windpark schwanken die Zahlen zwischen drei und neun Monaten – bereits dann hat das eingesparte CO2 die Aufwändung beim Bau erreicht.

Permanentmagneten, die in vielen Elektromotoren und eben auch Turbinen zum Einsatz kommen, benötigen Seltene Erden wie Neodym. Magnete auf dieser Basis sind 10fach leistungsfähiger als herkömmliche Eisenmagnete. Viele Unternehmen, insbesondere aus der Automobilindustrie, forschen schon aus wirtschaftlichem Eigeninteresse an einem Ersatz der teuren Seltenen Erden, die unter Experten als Übergangslösung gelten.

Gegenfrage: Seltene Erden finden sich heute in Handys, Laptops, Autos und Flugzeugen. Wieso stören sich die Kritiker eigentlich daran nicht?

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Mythos 5 der Unzuverlässige

Amrumbank West soll 300.000 Haushalte mit Strom versorgen? Unsinn! Was macht Ihr, wenn kein Wind weht? Dann muss wieder ein Kraftwerk einspringen.

Power-to-Gas auf Pellworm

 

Faktencheck. Unbestritten: Ein Windpark liefert nicht 24/7 Strom. Bei der Planung von Windkraftwerken haben sich jedoch die Erfahrungen aus der Vergangenheit ausgezahlt, die aktuellen Standorte erzielen inzwischen rund 4000 Volllaststunden pro Jahr für die Turbinen – rechnerisch laufen sie damit fast 50% des Jahres mit „Vollgas“.  

Wir befinden uns im Moment in einer Übergangsphase der Energiewende. Dieser fundamentale Wandel kann nicht in wenigen Jahren geleistet werden und noch werden konventionelle Kraftwerke für die Grundlast und als Backup benötigt. An zwei Punkten wird sich das Thema „zuverlässige Versorgung“ künftig entscheidend verbessern: Smarte Netze werden überschüssigen Strom deutschland- und europaweit besser verteilen als bisher und Speicherlösungen werden vor allem den Strom aus Windkraft speichern, bis er benötigt wird. Zwei interessante Lösungen sind beispielsweise die Power-to-Gas Technologie (siehe Bild) oder das Blue Battery Projekt mit Pumpspeicherkraftwerken aus Norwegen, die überschüssigen Windstrom unserer Offshore Parks speichern können.

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Fazit

 

Nobody is perfect

 

„Nobody is perfect!“ lautet das Schlusswort im Klassiker „Manche mögen’s heiß“ und das trifft auch auf die Windenergie zu. Viele Vorwürfe entbehren einer faktischen Grundlage, manche treffen einen wahren Kern. Was häufig vergessen wird: Es handelt sich um eine insgesamt noch junge Technologie, die nahezu täglich Effizienzsprünge macht. Wie gut wir in Deutschland die Optimierung klassischer, industrieller Produkte beherrschen, sehen wir in der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. Auch die Windenergie ist noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. Wir werden größere und leistungsstärkere Turbinen an idealen Standorten, immer häufiger weit vor der Küste, erleben. Denn irgendwo muss der grüne Strom erzeugt werden, den unsere Gesellschaft mehrheitlich möchte.

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