„Digitalisierung heißt, die Dinge auf eine völlig andere Art und Weise zu erledigen“

Ein Interview mit Dr. Alexander Montebaur, Vorstandsvorsitzender der E.DIS AG

Interview: Förderung einer Kultur der Innovation im Netzgeschäft

Die Energiewelt befindet sich im Wandel. Sie wird immer dezentraler, die Netzanschlusspunkte vervielfachen sich und die Energieströme teilen sich immer mehr auf. In diesem Zusammenhang wird die Infrastruktur der Energienetze zu einer wesentlichen Plattform, auf der die Energiewende tatsächlich stattfindet.

Intelligente Technologien und digitale Lösungen werden immer wichtiger, um komplexe Energieströme zu steuern und gleichzeitig eine zuverlässige Stromversorgung zu gewährleisten. Vaiva Seskeviciute von E.ON Innovation hatte die Gelegenheit, mit Dr. Alexander Montebaur, CEO von E.DIS, über die Rolle von Innovation im Rahmen der Energiewende im Netzgeschäft zu sprechen.

Sie haben über 20 Jahre Ihres Lebens in der Energiewirtschaft gearbeitet. Wie kam es dazu?

Es begann gleich nach der Schule und nach meinem Elektrotechnik-Studium mit dem Schwerpunkt Informatik. Ich bekam in meiner Diplomarbeit die sehr spannende Aufgabe, mein Wissen auf Fragen der Energiewirtschaft anzuwenden. Mir wurde schnell klar, dass der Energiesektor ein faszinierendes Gebiet ist, dem ich seitdem treu geblieben bin. In meiner späteren Berufspraxis zeigt es sich bis heute, dass die Anwendung der Informatik in der Energiewirtschaft genauso relevant ist wie vor 25 Jahren. 

Wie hat sich der Energiesektor im Laufe der Jahre verändert?

Die größte Veränderung ist der Wechsel von sehr großen zu sehr kleinen Systemen. Daraus ergibt sich eine ganz andere Rolle für den Kunden. Während der Kunde in der Vergangenheit passiv war, ist er heute ein aktives Mitglied des Energiesystems – ein Prosumer. Dies ist ein grundlegender Wandel in der Energiewirtschaft.

Der globale Digitalisierungstrend ist der Motor für diesen Wandel, sowohl für unsere Kunden als auch für uns. Er bietet Möglichkeiten, unsere Prozesse zu optimieren und digital zu übertragen.

Die Prosumer spielen jetzt eine aktive Rolle auf dem Energiemarkt der Zukunft. Sind die Verteilnetzbetreiber dafür verantwortlich, hier den Weg zu ebnen? Und wie trägt E.DIS dazu bei?

Es liegt absolut in der Verantwortung der Verteilnetzbetreiber. Neue Energieparadigmen umfassen nicht nur die großen Akteure, sondern auch Haushalte, Gemeinden, Regionen und sogar Stadtwerke. Unsere Aufgabe ist es, sie alle in die Lage zu versetzen, durch die Bereitstellung intelligenter Infrastruktur und digitaler Lösungen eine aktive Rolle auf dem Energiemarkt zu spielen.

Um dies zu erreichen, müssen wir uns in erster Linie darauf konzentrieren, mehr Intelligenz in unser Netz zu bringen. Allein bei E.DIS geben wir dafür in den kommenden Jahren Millionenbeträge aus. Wir führen digitale Sensorik und Aktorik ein. Diese ermöglichen es uns, das Netz auf eine völlig andere Art und Weise zu steuern und zu kontrollieren, als wir es in der Vergangenheit getan haben. Noch wichtiger ist, dass diese Technologien die neuen Anforderungen der Kunden und der zukünftigen Lösungen eines jeden Akteurs auf dem Energiemarkt erfüllen werden. Damit wird das Netz als „Enabler“, also als Wegbereiter, und nicht mehr als Hindernis wahrgenommen.

Seit Sie die Leitung von E.DIS übernommen haben, haben Sie eine Reihe von Initiativen eingeleitet, die die Energietransformation vorantreiben. Welche Rolle spielt dabei die Innovation?

Innovation und Digitalisierung sind die Schlüsselelemente unserer Strategie und werden unser Geschäft in naher Zukunft völlig verändern. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil für kontinuierliche Verbesserung und Wachstum. Wir haben den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Automatisierungstechnik und Augmented Reality bereits ausgeweitet. Wir sind ständig bestrebt, die neuesten Technologien in unseren Prozessen einzusetzen und die richtigen Partner zu finden, mit denen wir dies unterstützen können.

Aber das ist noch nicht alles. Obwohl Innovation eine Reihe von technischen Aspekten hat, geht es in erster Linie um Kultur und Veränderung – eine Veränderung, die jeder von uns in sein tägliches Leben integrieren muss. Ich möchte meinen Mitarbeitern vermitteln, dass Digitalisierung nicht dasselbe ist wie IT – es ist vor allem ein Mindset, also eine Denkweise.

Können Sie uns mehr darüber sagen, wie Sie sicherstellen, dass eine innovative Denkweise ein grundlegender Unternehmenswert bei E.DIS ist?

Diese Botschaft im gesamten Unternehmen zu verbreiten, erfordert einige Zeit und Mühe. Der erste wichtige Schritt geschah vor zwei Jahren, als wir unser neues Strategiepapier mit dem Titel „Unser Weg 2025“ veröffentlichten. Zum ersten Mal wurden Innovation und Digitalisierung als ein Hauptantrieb unseres Geschäfts positioniert. Dies war eine starke Botschaft sowohl für unsere Kunden als auch für unsere Mitarbeiter.

Seitdem setzen wir mehr neue digitale Technologien ein als je zuvor. Wir suchen und rekrutieren entsprechende Talente und verbreiten mit unterschiedlichsten neuen Formaten die Innovationskultur im Unternehmen.

Was sind einige der wichtigsten Innovationsprojekte bei E.DIS?

Eines der Projekte, die mir direkt in den Sinn kommen, ist Digiplan – eine digitale Planungsplattform, die Netzanschlussanfragen vereinfacht und automatisiert. Die Geschichte, wie wir dorthin gekommen sind, ist ebenso spannend wie die Lösung selbst.

Vor zwei Jahren habe ich mit einem Innovationsmanager von Siemens zu Abend gegessen. Er erzählte mir von den enormen Möglichkeiten, die Industrie 4.0 bieten kann, und von den Lösungen, die er bereits in seinem Unternehmen implementiert. Ich war inspiriert und fasziniert von seiner Arbeit und konnte nicht aufhören, über unser Gespräch nachzudenken. Es war einer dieser Momente, in denen einem die Augen für eine Welt voller Möglichkeiten geöffnet werden.

Am nächsten Tag hatte ich eine Besprechung mit meinen Kollegen von E.DIS zum Thema Netzanschlussanfrage – ein Prozess, bei dem abgeschätzt wird, ob das Netz in der Lage ist, ein weiteres Kraftwerk für Erneuerbare Energien zu integrieren oder ob es erweitert werden muss. Sie erzählten mir Einzelheiten über den Prozess, der eine manuelle Netzberechnung für jede Anlage umfasst, deren vollständige Bearbeitung bis zu acht Wochen dauert. In Anbetracht des inspirierenden Gesprächs vom Vorabend, kam ich nicht umhin, darüber nachzudenken und mich zu fragen: Wie können wir in unserer digitalen Welt immer noch einen solchen manuellen Mechanismus haben?

Ich diskutierte meine Gedanken mit meinem Team, und am Ende des Tages hatten wir eine konkrete Idee für eine digitale Lösung. Wir begannen mit dem Startup Envelio zu arbeiten und reduzierten die Prozesszeit von Wochen auf Sekunden. Das nenne ich digitale Innovation – die Dinge auf eine völlig andere Art und Weise zu erledigen. Wir wussten nicht, ob das überhaupt möglich war. Das Wichtigste ist, offen für neue Ideen zu sein und es zu versuchen.

Welche Rolle spielen Partnerschaften bei den Innovationsaktivitäten der E.DIS?

Montebaur Iinterview

Wir sehen Partnerschaften als das Herzstück unserer Aktivitäten, insbesondere wenn es um Start-ups geht. Sie sehen die Dinge anders. Sie führen Technologien ein, die vorher nicht auf unserem Radar waren, und sie stellen gängige Meinungen in Frage.

Leute wie ich, die bereits seit Jahrzehnten in der Energiebranche tätig sind, verfügen über Geschäftskenntnisse und sehr tiefes Fachwissen. Manchmal so tief, dass es schwer zu glauben ist, dass manche Dinge überhaupt möglich sind. Wenn wir mit Start-ups zusammenkommen und voneinander lernen, werden innovative Lösungen geboren.

Um unsere Zusammenarbeit mit Start-ups zu stärken, haben wir 2018 eine neue interne Einheit aufgesetzt. Seitdem haben wir zahlreiche Kooperationsprojekte und Initiativen gestartet.

Zwei Initiativen, die sich auf Start-ups konzentrieren, waren besonders fruchtbar: die E.DIS Startup Challenge und unser Innovationszentrum in Berlin. Mit beiden Initiativen wurden wir ein aktiver Teil des Start-up-Ökosystems in Berlin und formulierten eine Reihe neuer Ideen. Ein großartiges Ergebnis war, dass wir gemeinsam mit dem in Berlin ansässigen Startup-Unternehmen LiveEO mit der Entwicklung einer satellitengestützten Lösung für unser Vegetations- und Asset-Management begonnen haben. Gemeinsam testen und verbessern wir die LiveEO-Lösung, um Vegetationsrisiken in unserem Netz mit Hilfe einer automatisierten Anwendung von Künstlicher Intelligenz und Algorithmen des maschinellen Lernens schneller und effizienter zu identifizieren.

Gemeinsam mit unserem Partnernetzwerk verfolgen wir innovative Ansätze und digitale Lösungen, die unsere Arbeit verbessern, unser Kerngeschäft stärken und unsere Netze zukunftsfähig machen. Eine Zukunft voller neuer Herausforderungen und großer Chancen.

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