Martin Aarts

Martin Aarts

Der Stadtplaner Martin Aarts über seinen Erfolg in Rotterdam, die Übertragbarkeit auf Berlin und die Rolle der Energiewirtschaft.

Wir sprechen heute mit Martin Aarts, einem der renommiertesten Stadtplaner Europas. Martin Aarts hat über einen Zeitraum von dreißig Jahren die Entwicklung der Stadt Rotterdam gestaltet und verantwortet. 

Herr Aarts, ganz allgemein, was sind Erfolgsfaktoren bei der Stadtentwicklung?

Das Wichtigste bei der Stadtentwicklung ist die Verantwortung. Als Stadtplaner denkt man ständig über die Stadt nach. Wenn man als Stadtplaner erfolgreich ist, können sich andere engagieren und mitmachen. Nur wenn man Ideen und Pläne in die Öffentlichkeit bringt, werden andere mitmachen können. Die Zusammenarbeit zwischen der Wirtschaft, den Bürgern und der Politik macht daher den Erfolg einer Stadtplanung aus.

Gibt es noch weitere wichtige Faktoren?

Rotterdam ist ein typischer Fall, da das Zentrum dort fast ohne Bewohner war. Als ich als Stadtplaner in Rotterdam anfing, war mir der Erfolg sicher, da die Leute alles gut fanden, was ich gemacht habe. Sie waren froh, dass jemand überhaupt etwas getan hat. Ich habe später gelernt, dass man eigentlich ein wenig Widerstand braucht. Denn es geht nicht darum, was man als Stadtplaner baut oder dass man Städte so konzipiert, wie es theoretisch sein soll. Es geht um die Menschen: Wer wohnt da? Wer arbeitet da? Und welche Arbeit gibt es? Man muss herausfinden, was die Menschen dort glücklich macht und was die Wirtschaft braucht.  Dann macht man eine Stadt für die Bewohner und nicht für die Stadtplaner. 

Rotterdam

Gibt es Aspekte, die du aus deiner Erfahrung auf Berlin übertragen könntest?

Berlin ist ein wenig das Gegenteil von Rotterdam. Denn meine Aufgabe war es, Rotterdam erfolgreich zu machen – und das ist am Ende auch ziemlich gut gelungen. Aber Berlin ist schon erfolgreich. Es ist eine tolle Stadt zum Wohnen und die Menschen sind ganz zufrieden. In Rotterdam waren die Leute begeistert von neuen Plänen – hier ist eigentlich niemand begeistert von Veränderungen. Gleichzeitig ist die Politik zu ängstlich. Es gibt immer Widerstand, aber man kann auch nicht alle zufrieden stellen. Ich erzähle in Berlin gerne, dass 80 Prozent Zufriedenheit schon ganz schön viel ist und man sich darüber freuen kann. Wenn man alle zufrieden stellen möchte, braucht man gar nicht anfangen, das klappt nie. 

Und stadtplanerisch gedacht, siehst du noch weitere Probleme hier in Berlin, die es zu überwinden gilt?

In Rotterdam haben wir am Anfang alle Fehler gemacht, die man machen konnte: eine verwaiste Innenstadt ohne Leben und nur ausgerichtet auf Verwaltung und Gewerbe. Es hat 40 Jahre gedauert, bis Rotterdam von einer langweiligen, hässlichen Stadt zu einer lebenswerten und mittlerweile hippen Stadt geworden ist. Berlin hat viele Fehler vor 30 Jahren bei der Wiedervereinigung gemacht, als fast alle Mietshäuser an Investoren verkauft wurden. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Politik damals unter Druck stand, denn diese Häuser waren nicht viel wert. Aber aus der heutigen Sicht war das ein Riesenfehler. Heute ist Berlin ein Märchen für Investoren, da es so billig ist. Man kann immer noch Immobilien kaufen und die Preise werden weiter steigen. Dann macht die Politik einen zweiten Fehler: Man konzentriert sich auf die Miete. Natürlich muss man sich um die Preise sorgen, aber eigentlich muss man selbst bauen. Man darf die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, sondern diese akzeptieren und weitermachen. Wie bereits gesagt, meine Erfahrungen aus Rotterdam sind eigentlich genau umgekehrt zu Berlin. 

Wie ist denn die Entwicklung des Themas Energie bei der Stadtplanung heute und wie war es früher?

Naja, früher haben wir nie über Energie geredet. Energie war einfach vorhanden und in einer Hafenstadt wie Rotterdam natürlich im Überfluss. Aber mittlerweile ist es ein großes Thema, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Holland. Allerdings ist die Umsetzung eine große Herausforderung. Zum Beispiel liest man in der Zeitung, dass es bis 2030 keine fossilen Brennstoffe mehr geben wird. Wenn man allerdings mit den Leuten redet, kann sich das keiner vorstellen und keiner weiß, wie das funktionieren soll. Bei der Umstellung der Gebäude von Öl und Gas auf Elektrizität haben wir mittlerweile erste Erfahrungen gemacht und festgestellt, wie schwierig das ist.

Welche Rolle sollten Energieunternehmen, ein Unternehmen wie E.ON, bei der Stadtentwicklung übernehmen?

Die Stadtentwicklung zieht sich immer gerne auf schriftliche Bestimmungen und Regeln zurück – nach dem Motto „das steht hier nicht“ oder „das steht da wohl“. Energieunternehmen wie E.ON sollten daher selbst Verantwortung übernehmen und versuchen, nachhaltige Ideen in die Praxis umzusetzen. Die Wirtschaft muss mitmachen, davon überzeugt sein und die Erfahrungen teilen. Wenn man deutlich macht, dass es eine gewisse Zeit dauert, um neue Ideen umzusetzen, dann wird auch die Politik nachziehen, dann geht es voran. 

Herr Aarts, wir danken Ihnen für das Interview.